In Kenia unterstützt Journalismus Geflüchtete

Im Jahr 2011, kurz vor ihrem neunten Geburtstag, kam Nira Ismail mit ihrer Familie aus dem Sudan nach Kakuma, einem riesigen Flüchtlingslager in Kenia. Allein dieser Umstand hätte viele Menschen geschwächt und demoralisiert.
Tatsächlich sind Tausende sudanesischer Flüchtlinge wie sie damals und auch heute mit unglaublichen Härten konfrontiert: Hunger, Krankheiten, geringe wirtschaftliche und schulische Chancen.
Das 1992 errichtete Flüchtlingslager Kakuma wurde zur Heimat von Tausenden unbegleiteter Minderjähriger und anderer Menschen, die vor dem Krieg im Südsudan und im Sudan flohen. Es folgten Menschen aus Somalia und anderen Lagern in Äthiopien sowie aus der Demokratischen Republik Kongo, Burundi und Ruanda. Das Lager liegt in der zweitärmsten Region Kenias, und die Spannungen zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern des Lagers und der lokalen Bevölkerung sowie zwischen Geflüchteten verschiedener ethnischer Gruppen, die sich in ihren Heimatländern oft im Krieg befinden, führten schon zu Gewalt. In Kakuma leben heute mehr als 280.000 Menschen.
Doch seit ihrer Ankunft hat Ismail einen Weg gefunden, das Leben in Kakuma nicht nur für sich und andere erträglich zu machen, sondern auch aufzuzeigen, dass es neben der Not im Lager auch Hoffnung und Chancen gibt. Als eine von 18 Community-Reporterinnen und Reportern bei Sikika, einer von der DW Akademie unterstützten, gemeinschaftsbasierten Audioplattform, berichtet Ismail über Geflüchtete wie sie selbst – über ihre alltäglichen Probleme, aber auch über mögliche Lösungen.

Sie recherchiert und veröffentlicht ganz praktische Informationen: zum Verständnis von Staatsbürgerschaftsanträgen und -anforderungen, zu Desinformation und Betrug, zu Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten sowie zu wichtigen Informationen über die Verteilung von Lebensmitteln, das Wetter und die besten Wasserquellen.
Nicht nur informieren, sondern auch einbeziehen
Zu Ismails Aufgaben gehört es, den Menschen im Lager zuzuhören und direkt auf sie einzugehen. Sikika wendet einen Ansatz an, bei dem Geflüchtete im Rahmen von Zuhörendengruppen den Hilfsorganisationen im Lager mitteilen, was sie brauchen.
„Die Menschen, die Inhalte für die Sikika-Programme produzieren, sind Mitglieder der Gemeinschaft“, sagt Aarni Kuoppamäki, der das regionale Programm zu Flucht und Vertreibung der DW Akademie leitet. „Sie wissen, was in ihrer Nachbarschaft gut funktioniert, welche Probleme die Menschen haben und welche Informationen sie brauchen. Die Gemeinschaft bestimmt also die Themen. Und das Sikika-Team bespricht diese mit humanitären Organisationen, die wichtige Dienstleistungen wie die Verteilung von Lebensmitteln und Bildung für die Gemeinschaft bereitstellen.“

„Da draußen herrscht Angst und Unwissenheit“, sagt Ismail, „und manchmal ist es ermüdend, damit umzugehen. Aber es gibt auch 300 Zuhörendengruppen in Kakuma – die Menschen wollen also Information.“
Sie produziert alle zwei Wochen ein 30- bis 45-minütiges Audioprogramm für die Zuhörendengruppen im Lager sowie für die umliegende Gemeinde.
Alle haben Ziele
Als Ismail die Nuba-Berge im Sudan verließ, war sie mit ihrer Stiefmutter und neun Geschwistern zusammen, von denen zwei jünger sind als sie. Sie lebt immer noch mit allen zusammen und sagt, dass alle einen Sinn gefunden und Ziele haben.
„Vier meiner Geschwister haben Stipendien erhalten, um zu studieren“, sagt sie, und zwar in Bereichen wie Bauingenieurwesen, Informatik und IT. „Alle arbeiten. Meine Stiefmutter stellt Seife her.“

Heute ist Ismail 24 Jahre alt und kann stolz auf ihre Veröffentlichungen sein– Beiträge zu Themen, die für viele Journalistinnen und Journalisten echte Herausforderungen darstellen würden. Wie kommen Frauen an Wasser, ohne von Männern belästigt zu werden? Wie führt der Klimawandel zu mageren Nahrungsmittelernten und versiegenden Wasserquellen? Sie berichtete ohne Angst zu schüren über Malaria- und Choleraausbrüche, behutsam über Depressionen unter den Bewohnenden des Lagers und darüber, wie Geflüchtete aus ganz Afrika, die viele verschiedene Sprachen sprechen, eine gemeinsame Basis finden.
Und doch sagt sie, dass sie zufriedener wäre, wenn ihr Leben anders verlaufen wäre. Obwohl sie 2019 mit Hilfe eines Stipendiums in Nairobi Kommunikations- und Medienwissenschaften studierte, musste sie nach Kakuma zurückkehren, da sie in Kenia kein Recht auf Freizügigkeit genießt.
„Ich habe keine Arbeitserlaubnis“, sagt sie mit einer gewissen Resignation. „Und obwohl ich durch eine glückliche Verkettung von Ereignissen das Stipendium bekommen habe, bin ich nicht da, wo ich sein sollte oder könnte, was meine Karriere und auch mein Gehalt angeht.“
Jeder braucht eine Chance
Inzwischen befolgt sie einen eigenen Rat: Sie sucht nach naheliegenden, zugänglichen Möglichkeiten und hilft, wo sie kann. Alle Menschen, auch sie selbst, wünschen sich eine bessere Zukunft, sagt sie. Ihr fällt auf, dass so viele der Geflüchteten und Asylbewerberinnen und -bewerber, die sie trifft, Beruf und Status hatten, bevor sie aus ihren Heimatländern flohen, im Gegensatz zu ihr als geflüchtetes Kind.

„Diese Menschen haben Fähigkeiten“, sagt sie. „Sie sind fähig. Sie brauchen nur eine Chance.“ Sie sucht die Neuankömmlinge in Kakuma auf, um sie willkommen zu heißen und herauszufinden, was sie wollen und brauchen. „Vieles davon sind grundlegende Informationen zu Themen wie Integration oder Lebensmittelverteilung“, sagte sie. „Ich führe sie herum.“
Und oft macht sie ihnen auch ein wenig Mut. „Ich sage ihnen, dass sie nicht verzweifeln sollen“, sagt sie. „Ich sage ihnen, dass alles besser werden wird und dass wir – Sikika– hier sind, um zu helfen.“
Die Audioplattform „Sikika“ bietet verlässliche lokale Informationen für rund 283.000 Menschen, die in dem und um das Flüchtlingslager Kakuma leben. FilmAid Kenya und die DW Akademie gründeten die Plattform im Jahr 2020. Sie ist inzwischen eine Gemeinschaftsproduktion der kenianischen Nichtregierungsorganisation COME-Initiative und der DW Akademie zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Flüchtlingen, der Aufnahmegesellschaft und humanitären Organisationen, die grundlegende Dienstleistungen wie Nahrungsmittelhilfe, Gesundheitsversorgung und Bildung anbieten. Es wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt.


