MIL für gehörlose Menschen: Pilotprojekt für Schülerinnen und Schüler in Ghana | Afrika | DW | 28.10.2022
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Afrika

MIL für gehörlose Menschen: Pilotprojekt für Schülerinnen und Schüler in Ghana

In einem Projekt von Penplusbytes, einer Partnerorganisation der DW Akademie, lernen gehörlose Schülerinnen und Schüler den kritischen Umgang mit Informationen.

Für gehörlose und hörbehinderte Menschen in Ghana hat das Internet die Teilhabe an Kommunikation revolutioniert. Doch der neue Zugang birgt auch Gefahren, die von Desinformation bis hin zu Mobbing reichen.

Penplusbytes, eine ghanaische Organisation, die sich auf Media and Information Literacy (MIL) spezialisiert hat, versucht gezielt, mit ihren Projekten Gesellschaftsgruppen zu erreichen, mit denen sie bisher nicht gearbeitet hat. Zur gleichen Zeit hatte Dr. Kodwo Boateng, ein leitender Dozent am Ghana Institute of Journalism und Co-Direktor der House of Grace School for the Deaf, ebenfalls ein MIL-Programm für seine Studentinnen und Studenten im Sinn. "Es besteht ein dringender Bedarf an Schulungen zum Thema digitaler Schutz und Sicherheit für diese marginalisierten Gruppen in der Gesellschaft", erklärt Boateng.

Boateng und Penplusbytes beschlossen, gemeinsam zwei MIL-Pilotworkshops für gehörlose und hörbehinderte Schülerinnen und Schüler im Alter von 17 bis 24 Jahren zu veranstalten, den ersten an der House of Grace School for the Deaf und den zweiten an der Mampong Demonstration School.

MIL, ein Handlungsfeld der DW Akademie, lehrt Mediennutzerinnen und -nutzer, kritisch über Medieninhalte nachzudenken, indem sie Informationen bewerten und Quellen überprüfen. Diese Fähigkeiten sind für junge Menschen in Ghana, die viel Zeit im Internet verbringen, von besonderer Bedeutung. Für gehörlose und hörbehinderte junge Menschen können sie sogar noch wichtiger sein, merkt Boateng an, weil ein Großteil ihres Lebens online stattfinde und sie „süchtig nach ihren Handy sind“.

Dr. Kodwo Boateng (links, im Hintergrund) und Frederick Anderson stehen in einem Klassenraum. Anderson erklärt etwas in Gebärdensprache. Im Hintergrund wird eine Präsentation mit einem Beamer auf ein Whiteboard geworfen.

Dr. Kodwo Boateng (links) vertraute bei der Übersetzung des MIL-Materials für die Schülerinnen und Schüler auf den Schulleiter der House of Grace School for the Deaf, Frederick Anderson

Eine digitale Kluft zwischen den Geschlechtern

Gehörlosen und hörbehinderten Schülerinnen und Schülern fällt es oft schwer, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren, so dass das Telefon ein wichtiges Hilfsmittel sein kann. Doch wie viele hörende Menschen in ihrem Alter kannten auch die Oberstufenschülerinnen und Schüler im House of Grace die Grundregeln der Internetsicherheit nicht.

Im ersten Workshop waren alle 11 Schülerinnen und Schüler in den sozialen Medien aktiv – doch eine Zwei-Faktor-Authentifizierung zum Schutz der Konten nutzte niemand von ihnen. Viele waren bereits auf Phishing-Methoden hereingefallen oder hatten unter Online-Mobbing, Trolling und sogar geleakten persönlichen Fotos gelitten.

In der Schule wurde außerdem eine digitale Kluft zwischen den Geschlechtern deutlich. In der ersten Sitzung gaben alle männlichen Teilnehmer an, ein Smartphone zu besitzen, während die weiblichen Teilnehmerinnen dies nicht taten. Precious Ankomah, die Programmleiterin von Penplusbytes, sagte, dies sei in Ghana nicht ungewöhnlich. "Es herrscht die Annahme, dass Mädchen im Internet ungeschützt sind und dass sie sich nicht schützen können", erklärte sie. Sie deshalb von der digitalen Welt fernhalten zu wollen, sei aber der falsche Schluss: "Sie sind sehr wohl in der Lage, sich selbst zu schützen und sollten geschult und bereit sein, den digitalen Raum zu nutzen."

T wie TikTok

Zur Überraschung der Trainerinnen und Trainer hatten die meisten Schülerinnen und Schüler noch nie etwas von TikTok gehört, einer Social-Media-Plattform, die eigentlich bei jungen Menschen in Ghana sehr beliebt ist.

„Sie mussten sich sogar für eine neue Gebärde für TikTok entscheiden“, erklärt Boateng.

Während ihrer Ausbildung bestimmten die Schülerinnen und Schüler, die in Gebärdensprache miteinander kommunizieren, als Gebärde für TikTok den Buchstaben T, kombiniert mit der Geste für Video. Die Gebärden für Instagram (der rechte kleine Finger bewegt sich in der linken Handfläche hin und her, als ob man scrollt) und Twitter (Daumen und Zeigefinger neben dem Mund, die sich öffnen und schließen, um einen Vogelschnabel zu imitieren) waren bereits in Gebrauch.

Zwei Schüler der House of Grace School for the Deaf in Ghana sitzen am Tisch und schreiben in einer Gruppenarbeit auf ein großes Blatt Papier.

Die Schülerinnen und Schüler lernten, wie sie Hashtags verwenden können, wenn sie ihre Meinung ausdrücken wollen – von Umweltthemen über die Rechte von gehörlosen Menschen bis hin zu Basketball

Nach Abschluss eines zweiten Workshops an der Mampong Demonstration School am darauffolgenden Wochenende bezeichneten Ankomah und Boateng die Schulungen als Erfolg. Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler an beiden Schulen waren positiv, erzählen sie. „Ich habe gelernt, wie ich mich online schützen kann“, sagt Stella, eine Schülerin des House of Grace, in ihrem Feedback zum Workshop. „Ich weiß, wie ich auf mich selbst aufpassen kann und auf meine Informationen, die Nachrichten, die ich höre, und die Art und Weise, wie ich Informationen verbreite.“

Neue Chancen für gehörlose Schülerinnen und Schüler

Die Bildungsmöglichkeiten für gehörlose und hörbehinderte Menschen in Ghana haben sich in den letzten Jahren zwar verbessert, sind aber immer noch begrenzt. Die House of Grace School for the Deaf ist derzeit die einzige private weiterführende Schule und wird fast ausschließlich durch private Spenden aus dem Ausland finanziert. Die Mampong Demonstration School ist die einzige öffentliche Schule des Landes, die eine höhere Sekundarstufe für gehörlose Schülerinnen und Schüler anbietet.

Gruppenfoto der Schülerinnen und Schüler. Sie halten ihre Zertifikate in die Luft und lächeln.

Nach Abschluss der zweitägigen Schulung im Oktober erhielten die Schülerinnen und Schüler ein Abschlusszertifikat

Boateng erläutert, dass gehörlose und hörbehinderte Menschen in Ghana in der Regel die Schule mit der Mittelstufe abschließen und eine handwerkliche Ausbildung erhalten. Einige von ihnen besuchten aber mittlerweile auch die Universität. „Die Kinder sind heute ehrgeiziger, aber“, so räumte er ein, „es gibt einfach nicht genug Möglichkeiten für sie.“

Um dem Rechnung zu tragen, setzen Boateng und das Penplusbytes-Team auf weitere MIL-Trainings – diesmal für Schülerinnen und Schüler der Junior High School (12 bis 16 Jahre alt). Auf diese Weise sollen mehr hörbehinderte junge Menschen die Fähigkeit erwerben, kritisch zu denken und klug zu klicken.

 

Penplusbytes ist eine Non-Profit-Organisation, die im Jahr 2001 gegründet wurde. Sie arbeitet mit der DW Akademie zusammen, um Media and Information Literacy (MIL) in Ghana zu verbreiten und kritisches Denken und mehr Sicherheit in digitalen Räumen zu fördern.

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