Ukrainische Medien: Aufgeben ist keine Option

„Wir hatten weder Strom noch Heizung, weder Internet noch Mobilfunkverbindung“, erinnert sich Alla Skoryk an die ersten Wochen nach der vollständigen Invasion Russlands in die Ukraine im Februar 2022. „Wir haben Boote benutzt, um Treibstoff nach Tschernihiw zu transportieren, damit wir weitersenden konnten. Und wir haben keine Sekunde, keine Minute, keine Stunde, keinen Tag lang aufgehört.“
Alla Skoryk ist Leiterin der Abteilung für regionale Inhalte des öffentlich-rechtlichen Senders Suspilne Ukraine, einem langjährigen Partner der DW Akademie. Skoryk kam einen Tag vor dem 24. Februar, dem vierten Jahrestag des Beginns des Krieges in der Ukraine, nach Berlin, um am Café Kyiv teilzunehmen, der jährlichen hochrangig besetzten Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die verschiedenen Phasen dieses Krieges stellten die ukrainischen Medien vor unterschiedliche Herausforderungen: unzählige Stromausfälle, Drohnenangriffe oder der Beschuss von Redaktionsräumen, Sicherheitsprobleme bei der Berichterstattung vor Ort, insbesondere in der Nähe der Frontlinien.
Alle 11 Tage werden Medienschaffende von russischen Truppen angegriffen
Die russische Armee greift weiterhin ukrainische und internationale Journalistinnen und Journalisten an, die über den Krieg Russlands in der Ukraine berichten. Seit dem 24. Februar 2022 hat Reporter ohne Grenzen (RoG) mehr als 175 Fälle dokumentiert, in denen Medienschaffende nach der vollständigen Invasion Russlands in der Ukraine Opfer von russischen Übergriffen wurden. Einer von ihnen, der ukrainische Fotograf und DW-Akademie-Alumnus George Ivanchenko, wurde im Oktober 2025 bei einem Drohnenangriff in der östlichen Donbass-Region schwer verletzt. Sein französischer Kollege kam bei demselben Angriff ums Leben. Er ist einer von 16 ukrainischen und ausländischen Journalisten, die RoG zufolge in den letzten vier Jahren bei der Ausübung ihrer Arbeit in der Ukraine getötet wurden.
Der Krieg lehrt Journalistinnen und Journalisten militärische Fähigkeiten – auf die harte Tour
„Wir arbeiten daran, Lösungen für Probleme zu finden – wir haben eine Menge davon“, sagte Skoryk.
Laut Reuters kreisen täglich Tausende von Präzisionsdrohnen entlang der 1.200 Kilometer langen Frontlinie am Himmel. Die Verbreitung von Drohnen hat nicht nur den Krieg in der Ukraine verändert, sondern auch den Journalismus selbst. Die sogenannten „First-Person-View“-Drohnen (FPV) sind kleine Geräte mit großer Reichweite, die die „Todeszone“ weit über die eigentliche Frontlinie hinaus erweitern.
Skoryk beschrieb, wie die Berichterstattung aus Frontstädten wie Cherson derzeit aussieht: Es ist unmöglich, sich ohne einen Drohnen-Detektor zu bewegen, der die Videosignale von sich nähernden FPV-Drohnen analysiert.
„Wenn dein Auto, Gebäude oder etwas in deiner Nähe im Blickfeld der Drohne ist, musst du weglaufen”, erklärte Skoryk. Suspilne Ukraine versuchte sogar, seine Reporterinnen und Reporter mit Netzpistolen auszustatten: nicht-tödliche Waffen, die ein Netz abfeuern, das das Ziel – in diesem Fall die tödliche Drohne – abfängt.
„Profis, die gut schießen können, brauchen bis zu sechs Versuche, um eine Drohne zu treffen. Es ist nicht einfach, Journalistinnen und Journalisten den Umgang mit einem solchen Gerät beizubringen, um am Leben zu bleiben“, sagte sie.
Anstatt sich zu bewaffnen, haben die Journalistinnen und Journalisten gelernt, Daten des Militärs zu verstehen.
„Wir haben erkannt, dass sie ohnehin analysieren, was vor sich geht“, sagte sie. „Sie analysieren die Sicherheitslage, und wir nutzen die Informationen, die auch für uns relevant sind.“
Relevante Informationen aus „Nachrichtenwüsten“
Relevanz ist das Alleinstellungsmerkmal für Qualitätsjournalismus; das Sammeln verlässlicher Informationen ist dabei entscheidend. Aber ist das möglich, wenn die Straßen zu gefährlich sind, um von einer Stadt in ein abgelegenes Dorf in einem besetzten Gebiet zu gelangen, oder wenn die Infrastruktur, um dorthin zu gelangen, zerstört wurde?

Suspilne Ukraine verfügt über ein landesweites Netzwerk lokaler Sender. Skoryk ist für 22 Regionalbüros verantwortlich, darunter auch in Front- und/oder besetzten Gebieten wie Charkiw, Cherson, Sumy, Donbass, Dnipro, Saporischschja und der Krim. Regionen wie diese laufen Gefahr, von verlässlichen Informationen abgeschnitten oder abgeschottet zu werden, was es schwierig macht, Nachrichten in den Rest des Landes zu bringen – sie werden zu sogenannten „Nachrichtenwüsten”. Im vergangenen Jahr hat der öffentlich-rechtliche Sender seinen hyperlokalen Journalismus weiter ausgebaut und arbeitet nun mit 50 Korrespondentinnen und Korrespondenten in der gesamten Ukraine zusammen: Bürgerinnen und Bürger, die in den betroffenen Gebieten leben und Informationen sowie Foto- und Videomaterial liefern.
„Unsere Kolleginnen und Kollegen von der New York Times sagten einmal zu uns: ‚Wie ist es möglich, in dieses Dorf zu gelangen? Es gibt keine Möglichkeit, an diesen Ort zu gelangen, ohne sein Leben zu riskieren‘”, erinnert sich Skoryk.
Aber Suspilne Ukraine hat es geschafft. Dieser Ansatz zeigt, wie hyperlokaler Journalismus, wenn er durch Schulungen und Innovationen unterstützt wird, zu einem Eckpfeiler für schnelle Reaktionen in Krisenzeiten und für die Verbindung lokaler Gemeinschaften durch verlässliche Informationen wird, was letztlich zu Medienresilienz und Vertrauen der Menschen in die Berichterstattung führt.
Journalisten sind nichts ohne ihr Publikum
Dies verdeutlicht die symbiotische Beziehung zwischen Journalismus und seinem Publikum: Von Journalistinnen und Journalisten, die wichtige, lebensrettende Informationen liefern, über geschulte Bürgerinnen und Bürger, die zu wertvollen Korrespondenten werden, bis hin zu kritischen und medienkompetenten Nutzenden.
Jeder und jede kann Opfer von Fehlinformationen und Desinformation werden, insbesondere in schwierigen Zeiten. Informationsüberflutung, gesellschaftliche Polarisierung und wirtschaftliche Instabilität machen Menschen empfänglicher für Desinformation und verursachen Unsicherheit. Russland führt einen Informationskrieg; und ukrainische Medien stehen aufgrund sprachlicher, kultureller und historischer Gegebenheiten in direktem Wettbewerb mit russischen Medien. Vor diesem Hintergrund haben die DW Akademie und ihre ukrainischen Partner Projekte zur Medien- und Informationskompetenz (englisch Media and Information Literacy, kurz MIL) entwickelt, um der toxischen Kontamination des öffentlichen Raums durch Falsch- und Desinformation, Hassrede und Online-Bedrohungen entgegenzuwirken.
Ukrainische Kinder: die am stärksten gefährdete Zielgruppe
Kinder und Jugendliche gehören zu den Gruppen, die am anfälligsten für Online-Betrug und Desinformation sind. Eine ganze Generation in der Ukraine ist dazu verdammt, ihre Kindheit zwischen Bombenangriffen, der Zerstörung ihres Heimatlandes und Angst vor der Zukunft zu verbringen. Wie die deutsche Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Reem Alabali Radovan, in ihrer Rede beim Café Kyiv betonte, hinterlässt das Erleben des Krieges tiefe Spuren bei ihnen.

„Wir dürfen diese Generation nicht verloren geben“, sagte sie und versprach weitere Unterstützung. Und: „Wir müssen Kinder und Jugendliche auch als mehr als nur eine gefährdete Gruppe betrachten. Sie haben eine Stimme, und wir sollten ihnen zuhören.“
Die DW Akademie hat zusammen mit ihren Partnern, unter anderen unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, zahlreiche interaktive und spielerische MIL-Produkte für Jugendliche in der Ukraine entwickelt, darunter Comics, Brettspiele, einen Escape Room und ein Minecraft-Videospiel. Suspilne Ukraine produziert Inhalte für Kinder und junge Erwachsene und schafft ihnen damit einen sicheren Raum mitten im Krieg. Zu den Formaten gehören Zeichentrickfilme und Hörgeschichten für Zwei- bis Sechsjährige unter dem Programmnamen Brobaks sowie TikTok- und Youtube-Videos oder Instagram-Reels mit aktuellen Nachrichten für Kinder zwischen 9 und 14 Jahren unter dem Programmnamen Collider. Ein weiteres Brobaks-Format ist Brave Tales, therapeutische Märchen, die kurz nach der russischen Invasion ausgestrahlt wurden und Kindern und Eltern helfen sollen, mit chaotischen oder sogar lebensverändernden Ereignissen umzugehen.

Während einer Podiumsdiskussion beim Café Kyiv mit dem Titel „Kinder in Zeiten der Unsicherheit unterstützen” stellte Viktoriia Murovana, Leiterin der Digitalabteilung bei Suspilne Ukraine, die Arbeit des Senders vor und betonte die wichtige Rolle, die Kinderinhalte durch emotionale Unterstützung und sogar Therapie spielen.
„Als die vollständige Invasion begann, bestand ein dringender Bedarf an Inhalten, die Kindern diese neue Realität erklärten“, sagte sie. „Wir haben uns dieser Herausforderung gestellt – mit Hilfe von Kinderpsychologinnen und -psychologen.“ Dies ist Teil eines umfassenderen Ansatzes von Suspilne Ukraine und der DW Akademie, der auch die Zeit nach Kriegsende im Blick hat.
Internationale Unterstützung für ukrainische Medien ist eine fortdauernde Verpflichtung Europas

„Lassen Sie in Ihrer Unterstützung, in unserer gemeinsamen Unterstützung für die Ukraine nicht nach. Wir stehen an einem Scheideweg, der über das Wohl unseres gesamten Kontinents entscheiden wird“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Eröffnungsrede beim Café Kyiv. Die DW Akademie steht zu dieser Verpflichtung. Seit 2014 hat sie ihre Präsenz in der Ukraine verstärkt und sich für freie Meinungsäußerung, Medienunabhängigkeit und hochwertige Berichterstattung eingesetzt. Und sie wird dies auch weiterhin tun – vorausgesetzt, diese Bemühungen werden weiterhin finanziell von Gebern unterstützt.
Autokraten und Oligarchen gewinnen weltweit an Macht, wobei Diktaturen wie Russland (und China) massiv in die Verbreitung ihrer Narrative und die Ausübung von Einfluss investieren, was direkte Auswirkungen auf die europäischen Gesellschaften hat. Bürgerengagement, das auf verlässlichen Fakten basiert, ist unerlässlich, wenn die Feinde der Freiheit keinen Erfolg haben sollen. Das kann man heute, vier Jahre nach Beginn des umfassenden Krieges, von ukrainischen Journalistinnen und Journalisten lernen: „Aufgeben bedeutet Gefangenschaft, es bedeutet den Verlust unserer Freiheit“, sagt Alla Skoryk. „Deshalb ist es für uns einfacher, Widerstand zu leisten, als aufzugeben.“
Suspilne Ukraine arbeitet mit der DW Akademie zusammen, um die langfristige Leistungsfähigkeit unabhängiger Medien, darunter auch des ukrainischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zu stärken. Gemeinsam fördern die Partner einen offenen, konstruktiven Dialog innerhalb der ukrainischen Bevölkerung durch Projekte, die von der Europäischen Union finanziert und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie vom Auswärtigen Amt unterstützt werden.





