Nachrichten für junges Publikum in der Ukraine

"Wir wollen ein Angebot für die Kinder hier in der Ukraine schaffen, einen Ort, an dem sie verlässliche Nachrichten und Ablenkung finden", sagt Olga Avrakhova. Sie ist Produzentin beim öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender Suspilne.
Seit der russischen Invasion Russlands vor über drei Jahren befindet sich die Ukraine im Krieg, eine ganze Generation wächst auf zwischen Bomben und Zukunftsangst. Ein Ende des Krieges scheint derzeit weit entfernt. "Für die Kinder hier ist es wichtig zu verstehen, was gerade passiert. Viele von ihnen konsumieren aus Gewohnheit russische Medien, weil es einfach sehr viel davon gibt. Aber die Kinder leben mitten in einem Nachrichtensturm, der es schwer macht, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Sie brauchen eine Plattform, die ihre Sprache spricht, die ihnen verlässliche Information gibt und Ansprechpartner, denen sie vertrauen können. Das ist wichtig für ihren Alltag heute und für ihre Zukunft."
Suspilne produziert Inhalte für Kinder verschiedener Altersgruppen, Cartoons und Audio-Geschichten, zusammengefasst unter dem Programmnamen "Brobaks" für die ganz Kleinen von zwei bis sechs Jahren, das Programm "Collider" mit TikTok- und Youtube-Videos und Instagram-Reels zu Breaking News für die größeren von 9 bis 14 Jahren. "Die Aufmerksamkeitsspanne unserer jungen Userinnen und User ist extrem kurz. Daher ist es unsere Aufgabe, uns immer wieder spannende Hooks zu überlegen, also Aufhänger, die sie faszinieren und dazu bringen, einen Nachrichtenbeitrag bis zum Ende zu schauen".
Kein Schweigen, keine Tabus
Laut Avrakhova ist es wichtig, den jungen Leuten auf Augenhöhe zu begegnen und auch traurige oder schwierige Themen offen anzugehen. "Unser Ziel ist 100 Prozent Realität, keine Tabus. Aber es gibt natürlich Themen, bei denen wir sehr genau überlegen müssen, wie wir das für junge Menschen erzählen. Wir sind relativ neu dabei und suchen manchmal noch nach der richtigen Sprache."
Trotzdem solle man bereits den Kleinsten sensibel und kindgerecht die neue Realität vermitteln, die der Krieg für viele geschaffen hat. "In einem unserer Cartoons geht es um den Hund Totound andere kleine Haustiere, die jeden Tag in den Kindergarten gehen. In einer Folge sieht man einen Vater, der eine Volunteer-Uniform trägt, in einer anderen, dass es Kinder gibt, die Prothese haben. Wir zeigen den Kindern damit viele Dinge, die ihnen in ihrem Alltag auch begegnen.“ Ein weiteres Format von "Brobaks" sind die "Brave Tales", therapeutische Märchen, die bereits kurz nach der russischen Invasion veröffentlicht wurden. Sie sollen Kindern und Eltern helfen, mit einer plötzlichen, drastischen Veränderung der Lebensumstände umzugehen.

Das Ziel von Suspilne ist es, ein spannendes, attraktives und gleichzeitig informatives Programm anzubieten. "Collider" arbeitet dabei auch mit bekannten Influencerinnen und Influencern zusammen. Der bei ukrainischen Jugendlichen beliebte Influencer Lera Peshka erklärt bei "Cyber House" Grundlagen der Online-Sicherheit und das Youtube-Format "Ta Nevzhe?" [DE: Wirklich?] sowie das Tiktok-News-Format "Hto.pro.sho" [DE: Wer auch immer, was auch immer] beschäftigen sich mit aktuellen Gesellschafts- und Unterhaltungsthemen. Moderator Vlad erklärt die wichtige Rolle der Influencer: "Mein Publikum kennt mich schon als Blogger, daher interessieren sie sich auch für News-Inhalte von einem bekannten Gesicht. Um junge Menschen noch mehr zu begeistern, nutzen wir modernen Slang, Memes, Internet-Trends, alles Dinge, die zu ihrer Kultur gehören."

Medien-Produktion im Krieg
Nicht nur für die ukrainischen Kinder und Jugendlichen, auch für das Team von Suspilne schafft der Krieg täglich neue Herausforderungen, denn er betrifft regelmäßig die Produktionsprozesse des öffentlich-rechtlichen Senders. "Bisher, man kann fast sagen zum Glück, fanden die meisten Angriffe auf Kyjiw nachts statt, wenn wir nicht arbeiten. Bei Luftangriffen müssen wir die komplette Produktion unterbrechen.
Aber viele unserer Prozesse haben wir inzwischen so gut es eben geht auf den Krieg eingestellt", erklärt Avrakhova. "Viele von uns arbeiten von zu Hause, außerdem haben wir Vertretungsregelungen, falls es zum Beispiel eine Moderation nicht rechtzeitig ins Studio schafft. Für uns gehört das zum Alltag, wir lassen uns davon nicht unterkriegen, der Sendebetrieb muss weiter gehen".
Von anderen Medienhäusern lernen
Bei ihrer Programmgestaltung holt sich das Team von Suspilne auch Unterstützung und Inspiration von anderen: Nach einer ersten Reise 2024 nach Deutschland, besuchten einige von ihnen im Frühjahr 2025 Sender in den Niederlanden, Belgien und Frankreich und trafen dort Produzentinnen und Produzenten von Kinder- und Jugendprogrammen.

"Die Herausforderungen sind überall ähnlich, unsere Zielgruppe hat eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne – und wir stehen in Konkurrenz zu unglaublich vielen anderen digitalen Unterhaltungsangeboten", erklärt Avrakhova. Ein Aspekt überraschte sie dennoch: "Viele der anderen Sender produzieren schon seit Jahrzehnten Inhalte für Kinder und Jugendliche. Wir sind vergleichsweise neu und auch die Elterngeneration in der Ukraine ist nicht mit Kindernachrichten aufgewachsen und muss dafür begeistert werden – wir können also noch viel von den anderen lernen."
Austausch mit Schulen
Ein weiteres Ziel des Programms von Suspilne ist es, junge Menschen noch stärker in die Produktion einzubeziehen. Ab sofort besucht das Team von "Collider" daher Schulen in verschiedenen Landesteilen und trifft Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 8. Ihnen stellen sie ihr Programm vor, holen Feedback ein, entwickeln gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern neue Formatideen und geben den jungen Menschen Gelegenheit, sich selbst vor und hinter der Kamera auszuprobieren.

"Wir haben das Publikum gebeten, uns in den sozialen Medien zu schreiben, wo sie auf Collider warten, und wir haben rund 100 Antworten mit der Bitte erhalten, ihre Schule zu besuchen. Das sind die Regionen Schytomyr, Wolhynien, Saporischschja, Kyjiw, Iwano-Frankiwsk, Lwiw und viele andere Städte, in denen die Kinder unsere Projekte bereits kennen, sie sehen, kommentieren und darauf warten, das Team kennenzulernen", sagt Yulia Dychuk, Leiterin der Kinder- und Jugendsendungen.

Laut Olga Avrakhova will das Team vor allem mit Beginn des neuen Schuljahrs die Besuche ausdehnen. "Wir wollen so viele Schulen wie möglich besuchen, damit auch die Kinder in den kleinsten Dörfern erfahren, dass es Nachrichten und Inhalte gibt, die speziell für sie produziert werden. Wir wollen ihnen etwas geben, das ihnen Hoffnung gibt, und ihnen zeigt, dass sich neben ihren Eltern auch andere Menschen für sie interessieren und begeistern, für ihre mentale Gesundheit und für ihre Allgemeinbildung. Das ist ein wichtiges Ziel für uns."
Zusammen mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Ukraine (Suspilne), und der Medienorganisation Lviv Media Forumsetzt die DW Akademie das Projekt "Strengthening Independent Media for a strong democratic Ukraine" (2024-2026) um, das von der Europäischen Kommission finanziert und vom Auswärtigen Amt unterstützt wird.
Das Projekt zielt darauf ab, die Kapazitäten der unabhängigen Medien, einschließlich des ukrainischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, nachhaltig zu steigern, einen konstruktiven und offenen Dialog der ukrainischen Bevölkerung zu fördern und den Nationalen Rat für Fernsehen und Rundfunk auf seinem Weg zur Erfüllung der EU-Standards zu unterstützen.
Die DW Akademie unterstützt das Kids News-Team von Suspilne umfassend bei seiner Professionalisierung und internationalen Vernetzung. Dies geschieht durch strategische Beratung, Mentoring, Trainings und Ausrüstung sowie durch den gezielten Austausch mit deutschen und europäischen öffentlich-rechtlichen Sendern.


