Medien in der Ukraine drei Jahre nach der Invasion

Es ist der erste Schultag in der Ukraine und Kinder feiern den sogenannten „Tag des Wissens“. Mädchen tragen ukrainische Trachten, ihre Lehrerinnen und Lehrer halten Blumen in den Händen. Kinder mit Luftballons singen. Plötzlich unterbricht das schrille Geräusch von Luftsirenen die Feierlichkeiten, die Kinder strömen zum Luftschutzbunker. Ein Kind beginnt zu weinen, andere singen unbeirrt weiter. Die Luftballons stoßen an die kalten Betonwände des Bunkers.
Das ist eine Szene aus dem Dokumenarfilm "Timestamp" von Kateryna Gornostai, der in der vergangenen Woche auf dem Filmfestival Berlinale Premiere feierte. Die ukrainische Regisseurin beschreibt ihren Film als eine Patchworkdecke. Er zeigt zeigt den Alltag von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften unter diesen schwierigen Umständen.
Mit Unterstützung des EU-geförderten Projekts MediaFit der DW Akademie und Canal France International dokumentiert der Film eine neue Phase des Krieges in der Ukraine. Seit dem Einmarsch Russlands am 24. Februar 2022 haben sich die Ukrainerinnen und Ukrainer eine neue Normalität aufgebaut – zwischen Kriegsruinen, begleitet von der Bedrohung permanenter Angriffe.

Ein neuer Blick
Diese neue Realität zeigt sich auch in der Zusammenarbeit der DW Akademie mit lokalen Partnerorganisationen. Ihre Programme konzentrieren sich nicht mehr allein auf das Überleben – sondern auf die Zukunft der Ukraine und die Rolle, die die Medien dabei spielen.
Zu Beginn des Krieges ging es der DW Akademie und ihren Partnern vor allem darum, Ausstattung und Gelder zur Verfügung zu stellen, um den Medienbetrieb aufrecht zu erhalten – mit Mitteln der Europäischen Union (EU) und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Obwohl Medienorganisationen weiterhin finanzielle Unterstützung erhalten, konzentrieren sich neue Projekte vor allem auf die Zukunft des Landes.
"In den ersten beiden Jahren ging es um das Überleben der Ukraine – um Resilienz", erklärte Yulia Alekseeva, Projektmanagerin der DW Akademie. "Doch jetzt stellt sich immer häufiger die Frage, wie die Ukraine ein Teil der europäischen Gesellschaft werden kann."
Eine Generation im Aufbruch
Eine Antwort ist, auf die junge Generation in der Ukraine zu schauen. Das Programm "Iron Squad (Eiserne Truppe)" der Ukrainischen Eisenbahngesellschaft bringt junge Menschen aus der ganzen Ukraine in ein kostenloses Zeltlager in den Karpaten. Diese Bergregion ist eines der wenigen Gebiete im Land, die bisher von den Bomben verschont geblieben sind. Dort gewinnen die jungen Menschen Abstand von den Alltagssorgen, mit denen sie als Teenager in einem Kriegsgebiet konfrontiert sind.
Im Zeltlager bieten die DW Akademie und der öffentlich-rechtliche Rundfunksender "Suspilne" Trainings für die Jugendlichen an.
"Viele dieser Jugendlichen wurden aus besetzten Gebieten vertrieben und haben Eltern, die im Krieg kämpfen. Einige von ihnen sind Waisen," erklärte der digitale Sicherheitsexperte Pavlo Mantulo. "Das Zeltlager ist extrem wichtig für diese Kinder und Jugendlichen."

Bisher haben über tausend junge Menschen zwischen 12 und 17 Jahren an den Trainings im Zeltlager teilgenommen. Sie lernen kritische Medienkompetenz (Media and Information Literacy, MIL) und werden von jungen Psychologinnen und Psychologen betreut. Die Trainings decken verschiedene Themen ab. Die Jugendlichen lernen, wie sie ihre Online-Accounts sichern, Betrug vermeiden und Falschinformationen erkennen. Dabei wählen die Trainerinnen und Trainer einen interaktiven, spielerischen Zugang, indem sie unter anderem Berichterstattung am Beispiel des Eurovision Song Contest üben.
"Wir wollen kritisches und analytisches Denken vermitteln, angesichts dieses Informationskrieges, der bereits drei Jahre andauert", sagte Vladyslava Misna, Projektmanagerin für Suspile Juniors. "Für die Zukunft brauchen wir eine reflektierte Nation."
Dabei ist kritisches Denken nicht nur für Schülerinnen und Schüler wichtig. Das BMZ-geförderte Projekt will diese Fähigkeiten auch älteren Menschen vermitteln, wenn auch mit anderen Ansätzen. Ab März können Ukrainerinnen und Ukrainer über 60 MIL-Schulungen besuchen und digitale Fähigkeiten lernen, um sicher und kompetent auf Informationen zugreifen zu können, die sie benötigen.
Zukunftsfähige Medien
Für die Zukunft der Ukraine nach dem Krieg ist auch der Blick auf die finanziellen Herausforderungen des Mediensektors wichtig. Mehr als 90 Prozent der Medien in der Ukraine sind von dem Förderungsstopp der amerikanischen Entwicklungshilfeorganisation USAID betroffen. Das EU-finanzierte Programm der DW Akademie bietet überlebenswichtige Unterstützung für Medienhäuser in der südlichen und östlichen Ukraine und trainiert Medien durch das Lviv Media Forum. Das Projekt unterstützt zudem den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Suspilne bei der Weiterentwicklung zu einem nationalen Sender mit regionalen Studios im ganzen Land.
Trotz allem sind Medienhäuser überall auf der Welt nur so stark wie die Menschen, die für sie arbeiten. Daher organisiert die DW Akademie mit Förderung des BMZ Reisen für Medienschaffende nach Deutschland. Die Reisen ermöglichen den Journalistinnen und Journalisten eine kurze Auszeit vom Kriegsalltag, in der sie ihre Arbeit reflektieren und sich mit Kolleginnen und Kollegen vernetzen können.
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Diese Auszeiten ermöglichen den Teilnehmenden einen anderen Blick auf ihre Arbeit. Im vergangenen November konnten 22 Medienschaffende die Präsidentin des Europäischen Parlaments, Roberta Metsola, zu einem persönlichen Gespräch treffen. Bei einer weiteren Reise Ende Februar traf eine Gruppe kürzlich das strategische Kommunikationsteam der NATO und Dr. Géza Andreas von Geyr, den Ständigen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der NATO.
Die Ukraine nach dem Krieg
Der Traum vom NATO- und EU-Beitritt ist für viele Ukrainerinnen und Ukrainer nach wie sehr präsent. Eine starke Demokratie ist dabei von grundlegender Bedeutung. Doch um die demokratischen Grundwerte zu stärken, benötigt das Land einen leistungsfähigen Mediensektor und Zugang zu verlässlichen Informationen. Mit diesem Ziel vor Augen blicken die ukrainischen Partner der DW Akademie in eine Zukunft, in der sich die Menschen im Land wieder frei und sicher fühlen können.
Die Arbeit der DW Akademie in der Ukraine wird finanziert von der Europäischen Union (EU), dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem Auswärtigen Amt (AA).
