Afghanischer Exil-Journalismus: ″Wenn ich nicht mehr schreibe, höre ich auf, zu existieren″ | Asien | DW | 15.11.2022
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Asien

Afghanischer Exil-Journalismus: "Wenn ich nicht mehr schreibe, höre ich auf, zu existieren"

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan in 2021 mussten viele Journalistinnen und Journalisten das Land verlassen. Die DW Akademie bietet Stipendien und Trainings für Medienschaffende im Exil. Ein Interview.*

*Aus Sicherheitsgründen können wir an dieser Stelle den Namen der interviewten Person nicht nennen. Diese nimmt am Pilotprojekt Space for Freedom der DW Akademie teil. Mit dem Projekt unterstützt die DW Akademie zusammen mit lokalen Partnerorganisationen Medien und Medienschaffende im Exil und hilft, neue Perspektiven zu schaffen. In den vergangenen drei Jahren hat die interviewte Person in freier Mitarbeit für die drei größten Zeitungen Afghanistans zu aktuellen politischen Entwicklungen berichtet und Kolumnen verfasst. Einige Beiträge erschienen bei internationalen Medien, z.B. der BBC.

 

DW Akademie: Vielen Dank für das Gespräch. Wie hat sich Ihr Leben nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 verändert? 

Ich konnte meine Arbeit in Afghanistan nicht länger fortsetzen. Grund waren die Geschehnisse vor Ort, strenge Einschränkungen für Medienhäuser, Zensur, Verhaftungen. Wenn du als Journalistin oder Journalist arbeitest und das politische Umfeld verändert sich auf diese Art und Weise, kannst du nicht länger bleiben. Es gab keine Meinungsfreiheit, wir konnten so nicht mehr arbeiten. 

Auch im Exil versuche ich, meine Arbeit fortzusetzen, aber ich muss mich dabei unauffällig verhalten. Seit einiger Zeit bin ich Teil eines Projekts, das mir hilft, weiterzumachen und meine Leidenschaft und meine journalistischen Fähigkeiten nicht zu verlieren.  

Warum ist es so wichtig, dass Journalistinnen und Journalisten wie Sie aus und über Afghanistan berichten? 

Ich sage immer, dass wir die Stimme derjenigen sein müssen, die selbst keine Stimme haben. Im Moment gibt es keine lauten Stimmen aus Afghanistan, deshalb müssen wir für sie unsere Stimme erheben. 

Ich befinde mich zumindest an einem sichereren Ort als die Menschen in Afghanistan und kann darüber sprechen, was gerade passiert. Auch wenn wir nicht alles sofort veröffentlichen, müssen wir doch alles dokumentieren. Wir sind die Zeuginnen und Zeugen der Geschichte, deshalb ist es unsere Pflicht als Medienschaffende, aufzuschreiben, was mit Afghanistan geschieht. Nicht die Geschichte, die die Taliban erzählen wollen, sondern die Realität, wie sie die Menschen in Afghanistan täglich erleben. Das wird kommenden Generationen und auch der internationalen Gemeinschaft dabei helfen, zu begreifen, was dort passiert ist. 

Was sind für Sie die größten Herausforderungen im Exil? 

Das größte Problem ist unsere ungewisse Zukunft. Wir sind jetzt in Pakistan, unsere Visa laufen aus und es gibt keine Möglichkeit, sie zu verlängern. Wir haben keine Perspektiven oder einen sicheren Ort, der auf uns wartet. Es gibt viele Herausforderungen, seien es finanzielle oder psychische Probleme. In den letzten Monaten hatte ich mit Angststörungen und Depressionen zu kämpfen, ich habe in den letzten acht Monaten 15 Kilo Gewicht verloren.  

Im Exil gibt es tägliche Herausforderungen, du musst einen Weg finden, deinen Lebensunterhalt zu bestreiten und dabei positiv bleiben. Jeden Tag frage ich mich, was morgen passiert, was ich mache, wenn es für mich keinen sicheren Ort gibt.  

Gleichzeitig gibt es für mich keinen Weg zurück. Ich stehe auf einer Liste der Taliban. Wenn ich das Land betrete, werde ich sofort verhaftet. 

Und das sind nur einige der Probleme, neben der Tatsache, dass wir Freundinnen und Freunde verloren haben, unsere Karriere, unsere Existenz. Einige von uns haben über zehn Jahre als Journalistinnen und Journalisten gearbeitet. All das ist scheinbar jetzt nichts mehr wert. 

Über welche Themen berichten Sie vom Exil aus? 

Ich habe begonnen, an zwei Projekten zu arbeiten. Das erste war ein Interview mit einem Journalisten, der gleichzeitig Gründer und Chefredakteur einer Nachrichtenagentur ist, die im Exil arbeitet. Ich habe mit ihm über die Herausforderungen und Hindernisse gesprochen, im Exil ausreichend Gelder zu finden und etwas aufzubauen. 

Mein zweites Interview war mit einer afghanischen Para-Athletin, die im Exil in Pakistan lebt. Wir haben über die Rolle von Sport unter dem Taliban Regime gesprochen und unter der alten Regierung. Und darüber, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Gerade arbeite ich an diesem Artikel. 

Wie wurden Sie auf das Projekt der DW Akademie Space for Freedom aufmerksam? Und was haben Sie bisher gelernt? 

Ich habe in Sozialen Medien von dem Projekt erfahren und einige meiner Freunde haben mich ermutigt, mich zu bewerben. Bisher hatten wir zwei Trainings, zu den Themen Mobiler Journalismus und Digitale Sicherheit. Eigentlich schreibe ich hauptsächlich und Fotografieren oder Videoproduktion gehörten nicht zu meinen Aufgaben. Aber ich habe in dem Training zum Mobilen Journalismus viel Hilfreiches gelernt, zum Beispiel wie man kurze Videos oder kurze Dokumentationen produziert, wie man gute Perspektiven für seine Aufnahmen findet. 

Das Training findet online statt, aber wir bekommen jeden Tag praktische Aufgaben. Anschließend senden wir die Videos an unsere Trainerinnen und Trainer und erhalten Feedback. Ich habe das Gefühl, dass ich mich schon sehr verbessert habe. 

Wir hatten auch ein Training zu Digitaler Sicherheit. Vor einiger Zeit habe ich meinen Twitter-Account mit meinem blauen Haken verloren. Hätte ich das Training früher gehabt, hätte ich den Account sicher nicht verloren. Inzwischen weiß ich, wie ich meine Zugänge besser sichern kann, welche Plattformen und Messenger ich nutzen muss, um sicher zu kommunizieren. 

Ich konzentriere mich im Moment voll auf das Training. Wenn du im Exil lebst, bist du in keinem guten psychischen Zustand. Schreiben fällt mir schwer, aber ich muss weitermachen. Wenn ich nicht mehr schreibe, höre ich auf zu existieren.  

Was sind Ihre Pläne für die Zeit nach dem Training? 

Ich versuche derzeit alles, um aus Pakistan herauszukommen. Ich suche nach einem Stipendium, denn ich war gerade mitten in einem Masterstudium, als die Taliban an die Macht kamen. Ich musste alles zurücklassen und konnte mein Studium nicht abschließen. Ich versuche außerdem, Arbeit bei einem internationalen Medienhaus zu finden. Um weiter arbeiten zu können und meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Es ist schwer, im Exil und ohne festes Einkommen zu leben. Was mir hilft, ist die Tatsache, dass wir in den Trainings auch lernen, einen Lebenslauf zu verfassen und Bewerbungen bei internationalen Medien vorzubereiten. Wir sprechen regelmäßig mit unseren Mentorinnen und Mentoren und lernen, welche Standards wir bei der Arbeit mit internationalen Medienhäusern erfüllen müssen und wie wir mit Redaktionen Kontakt halten.  

Was die Zukunft Afghanistans angeht, bin ich sehr pessimistisch. Ich habe selbst Politik studiert und sehe die aktuellen Entwicklungen skeptisch, gerade gibt es keine strahlende Zukunft für Afghanistan.  

Was hilft Ihnen, in dieser schwierigen Situation weiterzumachen? 

Es gibt zwei Dinge, die mir viel Kraft geben: die Hoffnung, eines Tages für ein internationales Medium zu arbeiten. Und meine Familie. Ich muss weitermachen, für mich selbst und für meine Familie.  

 

Die DW Akademie führt das Projekt Space for Freedom als Netzwerkpartner der Hannah-Arendt-Initiative der Bundesregierung durch. Mit der Initiative unterstützen das Auswärtige Amt und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Journalistinnen und Journalisten, Medienschaffende sowie Verteidigerinnen und Verteidiger der Meinungsfreiheit, in Krisen- und Konfliktgebieten und im Exil.