Podcasts für afghanische Geflüchtete in Pakistan

Deeba Jan Akbari Kakar hat einen Abschluss in BWL und liebt ihre Arbeit. Doch Vertreibung und traditionelle Familienwerte halten sie davon ab. Ein Podcast-Projekt der DW Akademie gibt ihr neue Perspektive.

Pakistan | Weltflüchtlingstag | Afghanischer Geflüchteter als Gemeinschaftsreporter
Bild: Tabish Naeemi/DW

In den Jahren vor ihrer Hochzeit arbeitete Deeba Jan Akbari Kakar viel – und liebte ihren Job. Nach einem Betriebswirtschaftsstudium in ihrem Heimatland Afghanistan fand sie eine Stelle bei einer privaten Bank, dort arbeitete sie mit großer Begeisterung und überzeugte ihre Vorgesetzten mit organisatorischen Fähigkeiten und Führungsstärke. 

Doch der berufliche Erfolg hielt nicht lange an. Krieg und das Unterdrückungsregime der Taliban zwangen sie mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern zur Flucht nach Pakistan, wo sie über ein Jahrzehnt lebte, bevor sie nach Afghanistan zurückkehrte. Doch anhaltende Bedrohungen und die schwierige finanzielle Lage zwangen sie abermals zur Flucht, diesmal nach Usbekistan, wo sie fünf Jahre lang lebte und sich für ein Visum in Deutschland bewarb. Ein Plan, der sich bis heute nicht erfüllt hat. Kakar, heute 35 Jahre alt, ist mit ihrer Familie abermals in Pakistan und lebt dort mit anderen Geflüchteten zusammen. Sie ist von den vielen persönlichen Rückschlägen merklich gezeichnet.

Migration im Umbruch

Weltweit sind laut der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR derzeit über 120 Millionen Menschen vertrieben oder auf der Flucht. Der Weltflüchtlingstag am 20. Juni will auf diese Menschen aufmerksam machen. Ihre Situation ist auf Konflikte, Verfolgung und Gewalt zurückzuführen. 

Das Flüchtlingshilfswerk schätzt, dass sich derzeit über drei Millionen afghanische Geflüchtete in Pakistan aufhalten. Ihre Situation ist seit 2023 besonders prekär, als die pakistanische Regierung damit begann, afghanische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, Geflüchtete und Asylsuchende im Namen eines „Ausländerrückführungsplans“ zu deportieren.

„Das war eine sehr schwere Zeit für uns“, sagte Kakar mit Blick auf die vielen gebrochenen Versprechen und anhaltenden Rückschläge. Über all dem steht ihr Bedauern darüber, nicht mehr in ihrem gelernten Job arbeiten zu können. Grund ist die politische Situation, aber auch, dass die Familie ihres Mannes nicht möchte, dass sie einem Beruf nachgeht. 

Pakistan | Weltflüchtlingstag | Afghanischer Geflüchteter als Gemeinschaftsreporter
Deeba Jan Akbari Kakar hat eine neue Perspektive in der Produktion von Podcastnachrichten gefunden, die sie als Community Reporterin in Pakistan produziert. Kakar ist selbst aus Afghanistan geflüchtet und berichtet über alltägliche Herausforderungen, wie das Eröffnen eines Bankkontos, Überweisungen an die Familie in Afghanistan sowie Stress und Unsicherheit, die das Leben in einer Übergangsheimat mit sich bringen. Bild: Tabish Naeemi/DW

„Ich liebe es wirklich, zu arbeiten“, erklärte sie mit einer Begeisterung, die ansteckt und ihre Probleme fast vergessen lässt. Stattdessen zeigt ihr Auftreten Akzeptanz, und Dankbarkeit. „Indem ich arbeite, lerne ich neue Dinge über mich selbst, was ich erreichen kann, und wie ich neue Fähigkeiten gezielt einsetze – Fähigkeiten, von denen ich manchmal nicht einmal wusste, dass ich sie habe.“ 

Community-Reporter lernen neue Fähigkeiten dazu

Mit Kakars positiver Einstellung und ihrem ungebrochenen Willen war es vielleicht ihr Schicksal, dass sie die Aufnahme in einem Programm, unterstützt von der DW Akademie, schaffte. Im Rahmen des Projekts bilden pakistanische Medienorganisationen afghanische Geflüchtete wie Kakar aus, um verlässliche und hilfreiche Nachrichten für andere Geflüchtete und Vertriebene in Lagern und Siedlungen zur Verfügung zu stellen. Zudem lernen sie hilfreiche Fähigkeiten im Berufsfeld Medien, wie Fact-Checking und Podcast-Produktion, die ihnen bei der Suche nach Arbeit helfen können.

Heute arbeitet Kakar in der Kantine einer Schule und verdient ca. 10.000 Rupien pro Monat (etwa 30 Dollar). Die Schulkosten für ein Kind belaufen sich auf 30.000 Rupien - eine unmögliche Summe, vor allem, da drei ihrer Kinder unter neun Jahre alt sind. 

Aber auch wenn sie im Stillen über ihre Situation grübelt, haben sie - und andere - festgestellt, dass es sich lohnt, ihre Erfahrungen für das Gute zu nutzen. 

„Sie ist besonders gut in Teamfähigkeit, kreativem Denken und sie hat eine tiefe Empathie für ihre Gemeinschaft“, sagte Fakhira Najib, Managing Director von The Communicators Limited, ein Partner der DW Akademie in Pakistan, der das Podcast-Training anbietet. „Sie bringt immer wieder neue Ideen mit ein, besonders wenn es darum geht, die Anliegen und Probleme der Geflüchteten in den Fokus zu rücken. Ihre Fähigkeit, die Menschen zusammenzubringen und ihre Erfahrungen in eindrucksvolle Geschichten zu verwandeln, macht ihren Beitrag unschätzbar wertvoll.“  

Aktuell hilft die Podcast-Produktion ihr dabei, unter den aktuellen Umständen zu arbeiten und andere Geflüchtete zu unterstützen. Der Fokus dabei: „Nachrichten, die man praktisch nutzen kann“ für Menschen aus marginalisierten Gemeinschaften und Gebieten.

Doch die Herausforderungen sind groß: eine sich ständig wandelnde Gesellschaft, in der es oft schwer ist, Quellen zu prüfen und die weitere Entwicklung von Geschichten zu verfolgen, traumatisierte Menschen, die vor Krieg geflohen sind und eine fehlende Infrastruktur für die Medienproduktion, wie Podcast-Plattformen oder Rundfunkanstalten.

Doch nichts davon konnte Kakar bisher aufhalten, die, sobald sie bemerkte, dass ihre Arbeitsmöglichkeiten in Afghanistan schwanden, damit begann, eigene Geschichten zu schreiben – mit Stift und Papier und dabei herausfand, dass sie heimlich als freie Mitarbeiterin für ein Magazin arbeiten konnte.

„Ich sprach mit anderen Frauen, die wie ich eine Ausbildung gemacht haben und anschließend nicht arbeiten durften“, erklärte sie und fügte hinzu, dass einmal der Ehemann einer der Frauen plötzlich auftauchte und Kakar aus dem Haus jagte. „Diese Frauen lebten verständlicherweise in Angst entdeckt zu werden, deshalb gab ich ihnen Pseudonyme. Ich schrieb über schwierige Ehen und darüber, dass manche Familien ihre Kinder nicht zur Schule schicken können, das waren sehr emotionale Interviews, für beide Seiten.“ 

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Podcast „The Farewell Land”

Im Rahmen von Workshops im vergangenen Juli und Dezember zum Thema Podcast, Ausstattung und Produktion, tauschte Kakar ihren Stift und Schreibblock gegen Mikrofone, Kopfhörer und Aufzeichnungsequipment. Der große Vorteil davon, so sagt sie, sei die Tatsache, dass ihr keine Informationen mehr entgehen und die Aufzeichnungen noch einmal anhören kann. Sie suchte außerdem nach Geschichten, in denen Geflüchtete wie sie gemeinsame Herausforderungen beschreiben: Visa-Probleme, Eröffnung und Zugang zu einem Bankkonto, Geldtransfers an die Familie in Afghanistan und die tägliche Unsicherheit und der Stress, sich in einer dauerhaften Übergangslage zu befinden.  

„Wir sind alle auf eine Art gefangen“, sagte sie. „Ich habe meine Mutter seit zehn Jahren nicht gesehen.“ 

Darum geht es auch in einem Podcast, den Kakar im Rahmen des Trainings der DW Akademie entwickelt hat. Unter dem Namen „The Farewell Land“ begleitet sie Geflüchtete und ihre Hoffnungen, eines Tages sicher in ihr Heimatland zurückzukehren.

„Es ist ein Wortspiel, eine Art zu sagen, das ist kein Abschied für immer“, sagte sie. „Es ist nicht das Ende, wir werden aufstehen und wir werden einen Weg finden.“

Das Podcast-Training ist Teil des Projekts „Flucht und Dialog Asien“ finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das Projekt, dank der Zusammenarbeit mit den Partnern, bindet erstmals Afghaninnen und Afghanen in die Medienlandschaft in Pakistan ein. Die DW Akademie unterstützt Partner in Pakistan dabei, Geflüchtete aus Afghanistan zu Community-Reporterinnen und -Reportern auszubilden. Die Teilnehmenden lernen praktische Fähigkeiten zur Erstellung von Inhalten für digitale Plattformen oder Radio.