Nachrichten für Kinder und Jugendliche: 11 praktische Tipps

Vlad und Yuliia moderieren das ukrainische TikTok-Nachrichtenformat Hto.pro.sho. Hier geben sie praktische Tipps, wie man attraktive Inhalte für ein junges Publikum produziert.

Ukraine | Jugendformat Hto.pro.sho mit Vladyslav Rudnitskyi und Yuliia Petrenko
Bild: Suspilne Ukraine

Seit Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 steht der öffentlich-rechtliche Sender Suspilne vor der Herausforderung, informative und kreative Inhalte für Kinder und Jugendliche zu entwickeln, die in einem Kriegsgebiet aufwachsen. 

Vladyslav Rudnitskyi (23) und Yuliia Petrenko (21) moderieren das Nachrichtenformat "Hto.pro.sho" [DE: Wer auch immer, was auch immer] für Jugendliche auf TikTok. Vor ihrer Zeit bei Suspilne waren beide bereits im Medienbereich unterwegs, Vlad als Journalist und Blogger, Yuliia erstellte Video-Inhalte für UNICEF-Projekte. 

Jede Woche haben sie nun die Aufgabe, neue Themen zu recherchieren und kreative Videos für junge Zielgruppen zu produzieren. Aber wie genau läuft das ab? 

Suspilne Ukraine TV Ta Nezvhe
Auch das YouTube-Format "Ta Nezvhe?" richtet sich an junge Zielgruppen Bild: Suspilne Ukraine

"Mein Lifehack ist es, erstmal eine Tasse Tee zu kochen und meine Computer-Brille anzuziehen, damit ich mich richtig fokussieren kann", sagt Yuliia. Vlad konzentriert sich auf seine Beziehung zum Publikum: "Mein Rat ist es, dich in dein Publikum hineinzuversetzen. Was würdest du dir selbst gerne anschauen? Finde heraus, was junge Leute mögen. Freunde dich mit ihnen an und sie hören dir zu, sie knüpfen Vertrauen und sie werden wieder kommen, um zu erfahren, was du zu sagen hast." 

Damit das gelingt, folgt hier eine Zusammenstellung mit praktischen Tipps zur Produktion von Inhalten für Kinder und Jugendliche: 

1. Start with a bang 

Junge Zielgruppen überall auf der Welt haben eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne. Oft bleiben weniger als drei Sekunden Zeit, um eine Kernbotschaft zu vermitteln. Daher ist es wichtig, den Hauptaspekt der Geschichte an den Anfang zu stellen und mit einem “Wow-Moment” einzusteigen – bevor das Publikum überhaupt darüber nachdenken kann, weiter zu scrollen.  

2. Auf die Erzählung kommt es an 

Kinder und Jugendliche interessieren sich für die Welt um sie herum, aber möglicherweise nicht für klassische Nachrichtenformate. Die Wahl der richtigen Ansprache ist daher ausschlaggebend. Nachrichten sollten auf interessante Art und Weise präsentiert werden. Dabei helfen Aufhänger, die das Publikum fesseln und dafür sorgen, dass sie bis zum Ende dranbleiben. Hilfreich sind Slang oder Memes und eine Kenntnis der aktuellen Internet-Trends.  

3. Form folgt Funktion 

Ein vielfältiges Programm besteht aus unterschiedlichen Formaten wie Blitzumfragen, Sketchen oder Videoblogs, je nach Thema sollte das passende ausgesucht werden. Aber keine Angst vor unkonventionellen Ideen: Manchmal können selbst komplizierte oder bedrückende Themen auf unbeschwerte oder humorvolle Weise erzählt werden. Vielleicht hilft das sogar dem Publikum beim Verständnis und der Verarbeitung.  Eine wöchentliche Zusammenfassung der wichtigsten Nachrichten hilft dabei, den Überblick zu behalten.  

4. Zoom in 

Zielgruppen jeden Alters wollen sich mit den Medien identifizieren, die sie konsumieren. Um das zu verstärken, helfen Erklärformate, zum Beispiel “Wie nutze ich KI richtig” oder “Wie unterscheide ich Fakten und Falschinformationen”. Außerdem funktionieren Themen gut, die zur Lebensrealität der Zielgruppe passen, wie ein Kinobesuch, begleitet mit der Kamera, oder eine persönliche Empfehlung für Podcasts, Bücher oder Spiele. 

5. Wie tickt das Publikum? 

Kenntnis über das Publikum gewinnt man durch Recherche und Auswertung von Nutzungszahlen und Feedback, aber auch durch direkten Kontakt. Persönlicher Austausch ist möglich, zum Beispiel durch Straßeninterviews oder Meinungsumfragen aber auch Kommentare und Diskussionen unter den Beiträgen. Oft entstehen dadurch tiefere Gespräche und hilfreiche Erkenntnisse.  

Eine andere Möglichkeit ist der persönliche Besuch von Schulen und Bildungseinrichtungen, um dort inhaltliche Workshops anzubieten und jungen Menschen die Chance zu geben, sich selbst im Journalismus auszuprobieren, zum Beispiel durch die Möglichkeit, vor und hinter der Kamera zu stehen. Der Besuch von Schulen und Jugendzentren ist außerdem ein großartiger Weg, um zu Themen wie kritischer Medienkompetenz, Desinformation, Sicherheit im Netz und Berufsmöglichkeiten im Medienbereich ins Gespräch zu kommen.  

6. Sind die Eltern an Bord? 

Je nach Alter der Zielgruppen ist es notwendig, vor der Veröffentlichung von Interviews die Erlaubnis der Erziehungsberechtigen einzuholen, zum Beispiel bei Straßenumfragen. Ein guter und einfacher Weg ist es, die Bestätigung der Eltern gleich auf Video aufzunehmen. 

Das Angebot von zusätzlichem pädagogischem Material kann außerdem helfen, die Eltern für die Inhalte zu begeistern und sie zu unterstützen, Mediennutzung im Alltag kindgerecht zu begleiten, gerade dann, wenn es um belastende oder schwer verständliche Inhalte geht.  

7. Auf bekannte Gesichter setzen 

Vlad und Yuliia hatten beide bereits Follower und eine Community, bevor sie für Suspilne Inhalte produzierten, entsprechend beliebt waren sie bereits bei der jungen Zielgruppe. Die Arbeit mit bekannten Gesichtern schafft Authentizität, und es ist absehbar, dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer mit den Moderatorinnen und Moderatoren identifizieren.  

8. Achtung: Externe Plattformen haben eigene Regeln 

Bei der Nutzung von Plattformen externer Anbieter bewegen sich Redaktionen immer auf teils unbeherrschbarem Terrain, denn die Regeln zur Nutzung können sich quasi über Nacht ändern. So kann es sein, dass plötzlich ganze Beiträge zensiert oder blockiert werden, auch wenn sie mit den bestenAbsichten (oder einem Bildungsauftrag) produziert wurden. Der einzige Weg ist es, sich neuen Regelungen flexibel anzupassen, Änderungen im Blick zu behalten und ihnen im besten Fall zuvorzukommen. 

9. Positivität ist wichtig – die Welt da draußen ist düster genug 

In den Nachrichten werden viele negative und teils schockierende Themen behandelt und Kinder können darauf sehr sensibel und emotional reagieren, gerade wenn sie selbst in einem Land oder einer Region leben, die von Konflikten betroffen ist. Man muss Nachrichten nicht künstlich beschönigen und kann dennoch positive oder hoffnungsstiftende Aspekte nach vorne stellen, um junge Zielgruppen von negativen Gedanken abzulenken und optimistisch zu stimmen. 

Dazu gehört die Suche nach konstruktiven Lösungen oder inspirierenden Persönlichkeiten, die versuchen, kleine Dinge in ihrem direkten Umfeld zu verbessern. Sinnvoll sind vor allem Erfolgsgeschichten von jungen Menschen, mit denen sich das Publikum identifizieren kann.  

10. Rat von Expertinnen und Experten einholen 

Bei der Content-Produktion zu sensiblen Themen kann es schwierig sein, die richtige Sprache zu finden. Kinderpsychologinnen und andere Expertinnen und Experten können hier wertvolle Informationsquellen sein. Eine andere Idee ist es, die Kamera direkt mit zur Recherche zu nehmen, während das Publikum zuschaut. Das weckt Verständnis dafür, dass es oft keine einfachen Antworten gibt und die Suche nach Fakten eine intensive Recherche erfordert. Außerdem lernen die jungen Zuschauerinnen und Zuschauern, dass es sich immer lohnt, Fragen zu stellen.  

11. Dem Publikum auf Augenhöhe begegnen 

Junges Publikum ist oft klug und neugierig und ihm darf zugetraut werden, auch schwierige oder bedrohliche Informationen zu verarbeiten, wenn sie auf die richtige Art und Weise präsentiert werden. Es ist die Aufgabe der Produzentinnen und Produzenten, eine Sprache zu finden, die junge Menschen verstehen und ihnen dabei zu helfen, neues Wissen zu erwerben. Das Thema ist zu groß oder kompliziert, um es schnell einfach zu erklären? Warum nicht eine Serie daraus machen, die sich mit verschiedenen Aspekten des Themas beschäftigt? 

Zusammen mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Ukraine (Suspilne), und der Medienorganisation Lviv Media Forum setzt die DW Akademie das Projekt "Strengthening Independent Media for a strong democratic Ukraine" (2024-2026) um, das von der Europäischen Kommission finanziert und vom Auswärtigen Amt unterstützt wird.  

Das Projekt zielt darauf ab, die Kapazitäten der unabhängigen Medien, einschließlich des ukrainischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, nachhaltig zu steigern, einen konstruktiven und offenen Dialog der ukrainischen Bevölkerung zu fördern und den Nationalen Rat für Fernsehen und Rundfunk auf seinem Weg zur Erfüllung der EU-Standards zu unterstützen.  

Die DW Akademie unterstützt das Kids News-Team von Suspilne umfassend bei seiner Professionalisierung und internationalen Vernetzung. Dies geschieht durch strategische Beratung, Mentoring, Trainings und Ausrüstung sowie durch den gezielten Austausch mit deutschen und europäischen öffentlich-rechtlichen Sendern.