″Ohne Unterstützung werden Exilmedien verschwinden″

Ivan Kolpakov, Chefredakteur von Meduza, Russlands größtem unabhängigen Medienunternehmen, spricht über die Berichterstattung aus dem Exil.

Russland | Ivan Kolopakov von Meduza
Ivan KolopakovBild: Meduza

Ivan Kolpakov ist Chefredakteur von Meduza. Die Redaktion arbeitet seit ihrer Gründung im Jahr 2014 aus dem Exil. Im Interview mit der DW Akademie berichtet er, wie es ist, seit einem Jahrzehnt aus dem Ausland über das eigene Land zu berichten, und warum die Arbeit von Exilmedien den Kern des Journalismus berührt.

DW Akademie: Wie kam es dazu, dass Sie Meduza vor zehn Jahren in Riga gründeten?

Ivan Kolpakov: Wir sind 2014 nach der Annexion der Krim mit zunächst 15 Leuten nach Lettland gegangen. Damals reagierten Journalistinnen und Journalisten anderer Medien in Russland skeptisch bis sarkastisch: "Warum geht ihr, wenn euch niemand verfolgt?" Wir spürten aber, dass sich ein Trend abzeichnete, und leider hatten wir recht. Heute bezeichnen wir die Medien, die in Russland geblieben sind, als ″Zombie-Medien″. Sie haben ihre Namen und Logos zwar behalten, sie wurden aber zu Werkzeugen der Regierungspropaganda. 

Und wie war es, vom Ausland aus in Russland zu arbeiten?

Anfangs waren wir keine Bedrohung für die Regierung, und es war seltsamerweise ganz entspannt. Wir haben uns von Anfang an als unabhängige Organisation positioniert, nicht als Oppositionsmedium. Wir sind mit allen hart ins Gericht gegangen, mit der Regierung, aber auch mit der Opposition. Und wir waren sehr kreativ und technologisch sehr versiert. Wir hatten einen riesigen Unterhaltungsbereich, und selbst politische Nachrichten wurden auf ironische Weise präsentiert, mit Quizfragen oder interaktiven Formaten, die jede politische Agenda ausblendeten. Es war cool. Es war ungewohnt. Es war neu.

Russland Moskau 2019 | Protest gegen Festnahme des Journalisten Iwan Golunow
Nach der Verhaftung des Meduza-Journalisten Ivan Golunov protestierten Medienschaffende wie Viktor Shenderovich (links) – ein Akt, der im heutigen Russland mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden kann. Bild: Sergei Fadeichev/TASS/dpa/picture alliance

Wir kombinierten traditionellen, kompromisslosen Investigativjournalismus mit neuen Formaten. Und für eine Weile sah das für den Kreml wohl nicht so bedrohlich aus. Unsere Website blieb bis 2022 öffentlich zugänglich. 2019 versuchte die Polizei jedoch, unseren Kollegen Ivan Golunov zu verhaften, und 2021 stufte die Regierung unsere Organisation als „ausländischen Agenten“ ein. Das machte unser Geschäftsmodell zunichte und schränkte unsere Möglichkeiten ein, weiterhin vor Ort zu arbeiten.

Stimmt es, dass Ihre Website im Zusammenhang mit der groß angelegten Invasion der Ukraine im Februar 2022 gesperrt wurde?

Ja. Als der Krieg begann, dachte ich, dass der Kreml es niemals schaffen würden, die Russen davon zu überzeugen. Wie kann man einen solchen Krieg rechtfertigen? Das ist einfach unmöglich. Aber es ist möglich, wenn man die Medien kontrolliert, wenn man Propaganda betreibt und wenn man eine sehr konformistische politische Kultur hat. Und wenn man die vollständige Kontrolle über das Land hat. Ich meine, es war sehr klug, alle [Nutzenden] von Meduza und anderen unabhängigen Medien abzuschneiden.

Die vollständige Zensur kam unmittelbar im Februar 2022. Unsere Quellen teilten uns mit, dass die Behörden neue Gesetze gegen ″Falschmeldungen″ über die russische Armee schaffen und sich diese Gesetze sich vor allem gegen Journalisten richten würden. Es gab ein kleines Zeitfenster, in dem wir alle unsere Mitarbeitenden, die noch in Russland arbeiteten, evakuieren konnten, und das haben wir genutzt.

Was raten Sie Medien in anderen Ländern, die eine autoritäre Wende erleben?

Leider sind viele Menschen - viele Westler - davon überzeugt, dass die Ereignisse in Russland darauf zurückzuführen sind, dass Russland eine Übergangsdemokratie war und keine starken Institutionen hatte. Ich glaube jedoch, dass die Macht der Institutionen in den USA und in Europa stark überschätzt wird. Das gesamte System ist anfällig. 

Der russische Mediensektor war schon immer stark fragmentiert. Das machte es dem Staat leicht, uns zu spalten und zu kontrollieren. Der Zusammenhalt zwischen den Medien war schwach, da die Medienwelt von Konkurrenz geprägt ist. Solidarität ist jedoch entscheidend, um sich gegen den Staat zu behaupten, denn die Bedeutung unabhängiger Medien wird von der Öffentlichkeit oft nicht gesehen. Die einzige echte Unterstützung kommt von anderen Medienschaffenden.

Aus heutiger Sicht: Warum sind Exilmedien so wichtig?

Exilmedien gehören zu den wenigen Institutionen, die sich noch für die Menschen vor Ort einsetzen. Außerdem versorgen sie die Welt mit verlässlichen Informationen aus autoritären Ländern. Und das ist sogar sehr preiswert: Strategisch gesehen kosten Medien deutlich weniger als Waffen. Ohne fundierte Informationen kann man keine Strategie entwickeln. Exilmedien liefern diese Informationen.

Lettland Die Gründerin und Generaldirectorin von "Meduza" Galina Timchenko
Galina Timchenko ist Geschäftsführerin von Meduza und gründete die Organisation gemeinsam mit Kolpakov, nachdem sie aus politischen Gründen bei Lenta.ru entlassen worden war. Bild: DW

Aber unsere Geschäftsmodelle brechen zusammen, und internationale Organisationen müssen einspringen, um Exilmedien zu unterstützen. Wenn man sie nicht unterstützt, werden sie verschwinden. Das war's dann. Ende. Und wenn sie einmal verschwunden sind, kann man sie nicht wieder aufbauen.

Wie erreichen Sie derzeit Ihr Publikum?

YouTubeist gesperrt, ebenso wie Instagram, aber die Menschen nutzen diese Plattformen trotzdem. Sie wollen bestimmte Inhalte konsumieren und finden einen Weg, dies zu tun. Telegram ist weiterhin erlaubt, da auch die staatliche Propaganda diese Plattform nutzt.

Wir haben das Glück, eine eigene App zu haben, die ohne VPN funktioniert und weiterhin in den Stores von Apple und Google verfügbar ist. Langfristig habe ich jedoch null Vertrauen in Google und Apple.

Die russische Regierung hat damit begonnen, das Internet zu sperren und nur noch den Zugriff auf von der Regierung genehmigte „weiße Seiten“ zuzulassen. Wie gehen Sie damit um?

Unser technischer Direktor sagt, dass wir immer einen Weg finden werden, die Zensur zu umgehen. Wir haben immer einen Plan und lernen ständig dazu. Unser Technikteam hat weltweit führende Fallstudien zu Tools für die Umgehung von Zensur zusammengestellt.

Derzeit ist es unser Hauptziel, unser bestehendes Publikum zu halten. Die Situation ähnelt derzeit der in der Sowjetunion, als die Sendungen von Voice of America und Radio Liberty zwar verfügbar waren, es aber illegal war, sie zu nutzen.

Das entspricht keinem gängigen kapitalistischen Geschäftsmodell, nicht wahr? Wir verkaufen keine Werbung und streben kein Wachstum an, denn schon das Lesen von Meduza kann für unsere Nutzenden riskant sein. Es ist noch nicht illegal, wird es aber wahrscheinlich bald sein. Unsere Leserinnen und Leser sind Menschen, die einen starken inneren Informationsbedarf haben. Diese Realität anzuerkennen ist wichtiger als die Entwicklung neuer Technologien. Es geht um etwas anderes, um den eigentlichen Kern des Journalismus – unabhängige Informationen für diejenigen bereitzustellen, die sie wirklich brauchen.