Exil-Erinnerungen: Persönliche Gegenstände geben Halt

Dieser Gastartikel eines Nicaraguaners im Exil ist Teil des Projekts Casa para el Periodismo Libre der DW Akademie und ihrem Partner IPLEX in Costa Rica.

Eine Reisetasche und ihr Inhalt - ein Notizbuch, ein Kugelschreiber und ein Pass - liegen auf einem Tisch
Persönliche Gegenstände können eine Verbindung zwischen der alten und neuen Heimat herstellenBild: Envato Elements

Für viele Menschen aus Nicaragua, die aufgrund von Verfolgung durch das Ortega-Murillo-Regime ihr Heimatland verlassen mussten, bedeutet jeder Gegenstand, den sie über die Grenze bringen konnten, eine greifbare Verbindung zur eigenen Vergangenheit. Es sind emotionale Anker in einem Zustand der Entwurzelung, vor allem aber eines: das Versprechen, irgendwann in die Heimat zurückzukehren.

San José, Costa Rica. Dies ist die Geschichte eines Exiljournalisten und seiner Schlüssel-Sammlung. Er nennt sich selbst Castro*, eine Hommage an den Nachnamen eines Highschool-Lehrers, der einst sein Talent für Spanisch und Redekunst entdeckt und ihm empfohlen hatte, Journalismus zu studieren.

Noch vor seiner Ausreise schwor *Castro sich selbst, dass er eines Tages zurückkommen würde; dass er die Tür seines Hauses öffnen und seine Familie in die Arme schließen, auf der Veranda mit seinem Hund spielen und die Nachbarn im Schatten des Lorbeerfeigenbaums begrüßen würde, den er selbst zehn Jahre zuvor dort gepflanzt hatte.

Seine Reise begann früh an einem windigen Morgen im Februar 2022. Er erinnert sich genau, was er an diesem Tag bei sich trug: eine Montur saubere Wechselkleidung, drei Unterhosen, zwei Paar Socken, einen blau-weißen Schal, ein Handtuch, Badelatschen, Deo, Zahnpasta, eine Zahnbürste und eine Packung Aspirin. Alles passte ganz genau in eine Totto-Schultasche, die seiner Tochter gehörte.

In einer Innentasche trug er fünf Schlüssel, die an einem Victorinox-Schlüsselanhänger aus rostfreiem Stahl befestigt waren. Seine Hausschlüssel. Sein ganzer Stolz. Sein Erbe. Das Ergebnis jahrelanger Schulden bei der Bank, angespart mit einem mageren Journalistengehalt. Er kannte jeden Nagel, jede Ritze, jede Ecke dieses Hauses, das er mit seinen eigenen Händen hergerichtet hatte.

Jedes Schloss erzählte eine eigene Geschichte: Das Schloss zur Straße hinaus wurde mit einem Schlüssel mit roten Farbspuren geöffnet; das Tor mit einem Schlüssel mit zwei parallelen Kerben; die Haupttür mit einem länglichen Schlüssel mit weißen Flecken. Die anderen beiden kleineren öffneten das Innentor und das Garagenschloss.

Er reise über 200 Kilometer von Managua zum Grenzposten von Las Manos, in Richtung Honduras, und lauschte dabei dem metallischen Klingeln der Schlüssel am Boden seines Rucksacks. Erst auf der anderen Seite, völlig erschöpft, nachdem er es vorbei an Soldaten und Polizei geschafft hatte, nahm er sie aus dem Rucksack und steckte sie in die Taschen seiner Jeans. Ab da begleitete ihn das Geräusch über Tausende von Kilometern, bis er sich in einem County östlich von Los Angeles niederließ.

Hier hängte er die Schlüssel zum ersten Mal an einen Haken in seinem neuen Zuhause. Und dann weinte er. Er weinte wegen der verzweifelten Erkenntnis, dass er sie möglicherweise nie wieder bei sich tragen würde.

Chronik eines Kofferinhaltes

Im November 2024, während eines Podcasts im Rahmen des Casa para el Periodismo Libre-Projekts in Costa Rica, erzählte einer der Teilnehmenden die Geschichte eines anderen Medienschaffenden, der sich bei seiner Flucht für einen einzigen Gegenstand entschieden hatte: ein Familienfoto, das er in einer Bibel bei sich trug. Es war das letzte Bild, aufgenommen an Weihnachten 2021, das ihn zusammen mit seiner Familie zeigte.

Danach wurden auch andere Menschen nach den Gegenständen befragt, die sie mitgenommen hatten, und was diese für sie bedeuten. Die Antworten waren sehr unterschiedlich: Da gab es Schlüssel, Stofftiere, Stiefel, Videokameras, jeder Gegenstand erzählte eine ganz eigene Geschichte von Liebe, Schmerz und Erinnerung.

Einige Namen in diesem Artikel wurden auf eigenen Wunsch geändert, um Familien zu schützen, die in Nicaragua geblieben und noch immer das Ziel von Verfolgung sind. 

*Castro erinnert sich an das Klimpern seines Schlüsselbunds: "Es war ein Versprechen, das ich jeden Tag für mich wiederholte", sagte er und unterdrückte dabei die Tränen.

*Lucia, eine 14-jährige Teenagerin, die mit ihrer als Journalistin arbeitenden Mutter geflohen ist, wählte drei Kuscheltiere aus ihrer Kindheit. Ihre Gitarre, Flöte, Bücher und ihre Wasserfarben musste sie hingegen zurücklassen.

"Sie spielt nicht mehr mit ihnen", sagte ihre Mutter Carmen. "Sie bewahrt sie wie auf einem Altar, zwischen den Postern ihrer Lieblingssänger. Es ist ihre Art, sich daran zu erinnern, dass sie dort glücklich war, auch wenn sie jetzt weit weg von zu Hause ist."

Und da ist auch Óscar Navarrete, ein Fotograf für La Prensa, der noch immer die Stiefel, den Rucksack und seinen Hut besitzt, die er trug, als er die Grenze überquerte. "Jeder Fleck und jeder Abdruck auf meinen Stiefeln erzählt die Geschichte eines Kampfes", sagt er.

*Ana, eine Ärztin und feministische Aktivistin, bewahrt die Sneakers auf, mit denen sie von einer Patrouille in Peñas Blancas an der Grenze zu Costa Rica aufgegriffen wurde. 

"Ich habe mit ihnen viele Märsche zurückgelegt. Und eines Tages werde ich mit ihnen zurückkehren", sagt sie mit fester Stimme.

Der junge Schriftsteller und Journalist José Cardoza brachte seine Kodak-Kamera mit, die er von seinem Großvater geerbt hatte.

"Ich habe mit dieser Kamera gelernt zu kommunizieren, bevor ich sprechen konnte. Heute verbinde ich mit ihr die Erinnerung an meine ganze Familie", berichtete er.

Und *Raul J. besitzt ein Bild vom letzten Weihnachtsfest, das er gemeinsam mit seinen Großeltern verbrachte. Es wurde einen Monat vor seiner Flucht aufgenommen. Beide verstarben zwei Jahre später.

"Die Erinnerung ist schmerzhaft, aber gleichzeitig ist es wichtig, nicht zu vergessen", sagte er mit leiser Stimme, sichtlich bemüht, die Fassung zu wahren.

Niemand geht freiwillig

Am 30. Oktober stellte Linda Núñez, Soziologin und Koordinatorin im Bereich Bildung und Erinnerung des Menschenrechtskollektivs Nunca Más (Nie wieder) in San José den Bericht 'Nadie se va porque quiere. Voces desde el exilio' (Niemand geht freiwillig. Stimmen aus dem Exil), vor, eine Recherche von Eduardo González Cueva und María Alicia Álvarez, die auf den persönlichen Berichten von 40 Menschen basiert. Sie alle mussten aufgrund von Unterdrückung ihre Heimat verlassen.

Die Studie, unterstützt von der Iniciativa Mesoamericana de Defensoras de Derechos Humanos (Initiative mesoamerikanischer Menschenrechtsverteidigerinnen) und dem American Jewish World Service (AJWS) dokumentiert, wie die Verfolgung durch die Regierung Nicaraguas Tausende zur Flucht zwang: Aktivistinnen und Aktivisten, Regierungsgegner, Journalistinnen und Journalisten sowie Verteidigerinnen und Verteidiger der Menschenrechte. Die Verfolgung, die auf die Demonstrationen im April 2018 folgte, stellen dabei einen Kipppunkt dar.  

Über 800.000 Menschen haben seitdem das Land verlassen. Einige flohen vor Todesdrohungen, andere vor willkürlichen Verhaftungen und anhaltender Überwachung.

Von den Interviewten konnten 45 Prozent ihre Ausreise etwas vorbereiten. Alle anderen flüchteten nur mit den Kleidern, die sie am Leib trugen. Das Exil, so betont der Report, zerbricht Lebensplanungen, trennt Familien, zerstört Stabilität und hinterlässt eine Wunde, die niemals vollständig heilt.

Die Geschichten handeln von Wut, Schuldgefühlen, Angst und posttraumatischem Stress. Viele Menschen im Exil sind Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung in den Aufnahmegesellschaften ausgesetzt, ohne Zugang zu psychologischer Unterstützung.

Trotz allem träumen laut Report 87,5 Prozent davon, eines Tages zurückzukehren, obwohl sie wissen, dass sie dann ein anderes Nicaragua vorfinden werden.

"Der Bericht dokumentiert Verbrechen gegen die Menschlichkeit", erklärte Núñez. "Das Ortega-Murillo-Regime hat nicht nur Individuen zerstört, sondern auch ihr gesamtes Umfeld." Unter den Augenzeugenberichten steht einer besonders hervor: ein Exilant behält den Schlüssel zu seinem Haus als Symbol der Hoffnung. "Nur der Körper geht über die Grenze, die Seele bleibt auf der anderen Seite zurück", beschrieb Núñez die Erfahrung.

Erinnerungen sind Segelboot und Anker

Die Gegenstände, die die Exilantinnen und Exilanten mit sich tragen, sind nicht nur Erinnerungsobjekte: sie sind Segelboote, die sie voranbringen und Anker, die sie mit dem verbinden, was sie einmal waren. So beschrieb es die mexikanische Psychologin Perla Guerra gegenüber *Castro, als er sie nach der emotionalen Bedeutung seiner Schlüssel fragte. "Ein Objekt ist ein Schatz, der dir Hoffnung und Schutz gibt. Wenn er dir Schmerzen zufügt, bist du noch nicht geheilt", sagte sie ihm.

Spezialistinnen und Spezialisten sind sich einig, dass diese Gegenstände den Menschen im Exil bei der Verarbeitung ihrer Trauer helfen, Erinnerungen am Leben erhalten und sogar Identitäten heilen, die im Exil zerbrochen sind. Aber sie warnen auch davor, dass eine zu enge Bindung die Menschen davon abhält, sich auf ihr neues Umfeld einzulassen.

*Carmen, die Mutter von *Lucia erhielt die Empfehlung, genau zu beobachten, wie ihre Tochter mit den Stofftieren umgeht.

"Sie können eine tröstende Wirkung haben, aber wenn die Bindung zu stark ist, müssen Sie ein Umfeld für ihre Tochter schaffen, dass ihr Sicherheit gibt, ohne sie in der Vergangenheit gefangen zu halten", wurde ihr geraten.

Im Dezember 2024 teilte die mexikanische Journalistin Patricia Mayorga, geflüchtet vor der Gewalt in Chihuahua, ihre Erfahrungen bei einem Treffen zu Migration in San José. Sie bat die Teilnehmenden, Gegenstände von ihrer Flucht mitzubringen und ihre Geschichten zu erzählen.

Schlüssel, Rucksäcke, Fotos, Amulette, Bücher, all diese Gegenstände wurde auf dem Tisch gestapelt, jedes einzelne mit seinem einem unsichtbaren emotionalen Gepäck ihrer Träger. "Diese Gegenstände", sagte Mayorga, "helfen mit dem Übergang umzugehen, aber um zu heilen, ist es auch wichtig, loslassen zu können."

Sie selbst hatte ihr Zuhause im Exil mit Erinnerungen an Chihuahua gefüllt. Doch damit verwandelte sie ihre Umgebung in einen Ort der Dankbarkeit – nicht der Nostalgie.

"Ich habe keinen Altar errichtet, um davor zu weinen", sagte sie. Stattdessen begann sie damit eine notwendige Diskussion: Inwieweit ist es gesund, an solchen Gegenständen festzuhalten? Wie beeinflussen sie unsere Fähigkeit, zu heilen?

*Castro nahm ebenfalls an dem Treffen teil. Er war dazu aus Kalifornien zurückgekehrt, um seine Familie zu treffen. Unter Schmerzen, berichtete er, habe er entschieden, die Schlüssel, die er seit seinem ersten Tag im Exil bei sich trug, zurück nach Nicaragua zu schicken. Die Polizei hatte damit begonnen, seine Familie zu bedrängen und er handelte aus Sorge. Daher übergab er die Schlüssel zu seinem Zuhause an Verwandte.

Es war sein Umgang mit der Situation: Zu akzeptieren, dass er selbst möglicherweise die Tür nie wieder öffnen würde. Und gleichzeitig einen aktiven Schritt zu machen, sein eigenes Leben wieder aufzubauen. Das metallische Geräusch der Schlüssel, das ihn einst als Versprechen begleitete, ist nun ein Echo, dass zu einem anderen, einem alten Leben gehört.

*Die Namen einiger Protagonistinnen und Protagonisten wurden aus Sicherheitsgründen geändert.

Dieser Text ist Teil der Serie Contar el Exile (Geschichten aus dem Exil), produziert in Zusammenarbeit mit der DW Akademie, dem Institute for Press and Freedom of Expression (IPLEX) und dem Lateinamerikanischen Netzwerk für Journalistinnen und Journalisten im Exil (RELPEX).  Die Serie ist zudem entstanden im Rahmen des Space for Freedom-Projekts. Das Projekt ist Teil der Hannah-Arendt-Initiative und wird vom Auswärtigen Amt gefördert.