Medienschaffende aus Belarus wählen ein Leben im Exil

Seit über dreißig Jahren regiert Aleksander Lukaschenko in Belarus. Die meisten Oppositionsmitglieder und Journalistinnen und Journalisten, die für unabhängige Medien arbeiten, haben in dieser Zeit das Land verlassen oder wurden inhaftiert. Das letzte Wahlergebnis im Januar, das mit 87,6 Prozent der Stimmen zu Lukaschenkos Gunsten ausfiel und von der offiziellen Wahlkommission bestätigt wurde, ebnete den Weg für seine siebte Amtszeit.
Doch trotz seines scheinbar ungebrochenen Einflusses zeigt eine Studie, durchgeführt von Chatham House zwischen Dezember 2024 und Januar 2025, dass nur 36 Prozent der Belarussinnen und Belarussen ihre Stimme bei der Wahl abgegeben haben.
Das Komitee zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten (CPJ) listet Belarus auf dem vierten Platz der zehn führenden Länder bei der Verhaftung von Medienschaffenden. Am 1. Dezember 2024 berichtete das CPJ außerdem, dass von insgesamt 361 Journalistinnen und Journalisten, die weltweit in Haft sind, 31 in belarussischen Gefängnissen inhaftiert sind.
Trotz der bedrohlichen Lage arbeiten viele Medienschaffende aus Belarus im Exil weiter, und berichten kritisch über wichtige Ereignisse und Entwicklungen in ihrem Heimatland. Doch die Arbeit birgt viele Gefahren: sie werden häufig bedroht und attackiert und müssen ihre Identität bei der Berichterstattung geheim halten.
Der Presseclub Belarus, eine Partnerorganisation der DW Akademie im Rahmen des Space for Freedom-Projekts, konzentriert sich auf die Unterstützung von Exilmedien. Viele der Mitglieder saßen bereits in Haft, weil sie sich für freie Meinungsäußerung, Menschenrechte und den Schutz von Qualitätsmedien einsetzten. Andere flohen nach den Wahlen in Belarus im Jahr 2020 und den darauffolgenden Protesten aus dem Land. Seit Anfang 2021 arbeitet der Presseclub Belarus aus Warschau in Polen, und unterstützt seitdem auch andere Exiljournalistinnen und -journalisten durch regelmäßigen Austausch und den Aufbau einer Community.
"Unsere gesamte Produktion in Belarus ist gesperrt und eines unser Hauptprogramme, Media IQ, wurde als ‚extremistisch‘ eingestuft", erklärte Nadezhda Belokhvostik, Programmanagerin für Space for Freedom für den Presseclub Belarus. "Leider ist derzeit auch mindestens eine Person aus unserem Team vor Ort in Haft".

Das Regime setzt Bezeichnungen wie ‚extremistisch‘ oder ‚ausländische Agenten‘ ganz gezielt ein, um Medienschaffende unter Druck zu setzen und es für unabhängige Medien unmöglich zu machen, im Land zu arbeiten. In der Folge sind seit 2020 nur sehr wenige unabhängige Medien verblieben.
Der Presseclub Belarus arbeitet seit 2022 mit der DW Akademie im Rahmen der Hannah-Arendt-Initiative zusammen. In den vier bisherigen Programmrunden haben über 80 Journalistinnen und Journalisten davon profitiert.
"Wir bieten Unterstützung in verschiedenen Bereichen an, sei es rechtliche Hilfe, wie die Vorbereitung von Dokumenten und die Zusammenarbeit mit Anwältinnen und Anwälten sowie Unterstützung im Bereich Ausbildung, Workshops, Trainings zu Themen wie Crowdfunding, SEO, Monetarisierung von Inhalten und natürlich professionelle Hilfe im journalistischen Bereich", ergänzte Belokhvostik.
Die Geschichte von Elvira Korolyova
Elvira Korolyova ist eine der Teilnehmenden im Space for Freedom-Projekt. Ihre Geschichte im Exil begann im Jahr 2020. Damals arbeitete sie als freie Journalistin in Belarus.
"Ich erhielt mehrere E-Mails von Kolleginnen und Kollegen, die schrieben ‚Sie haben mich verfolgt, sie haben unser Büro durchsucht‘. Ich wusste, dass sie früher oder später auch nach mir suchen würden. Also habe ich irgendwann meine Kinder genommen und bin mit ihnen nach Polen geflüchtet", sagte Korolyova.
Nach ihrer Ankunft im Exil wurde sie Fürsprecherin für Kinder mit Behinderung. Sie baute ein digitales Unterstützernetzwerk auf, mit einem Community-Chat, der Kinder mit Behinderung und ihre Familien in Belarus und Polen miteinander vernetzt. Die Plattform mit rund 800 Nutzenden bringt Familien zusammen, die nach konkreten Ressourcen suchen; so finden sie beispielsweise Informationen zu bezahlbaren Medikamenten oder emotionale und logistische Unterstützung für einen geplanten Umzug.
Der Community-Chat bot für Korolyova auch eine Möglichkeit, mit Menschen im Land in Kontakt zu bleiben, bis der Chat eines Tages ebenfalls als extremistisch eingestuft wurde. Die Entscheidung zwang Korolyova dazu, die Teilnehmenden vor der weiteren Nutzung zu warnen, um sie vor einer Strafverfolgung zu schützen.
"Es war, als müsste ich den Menschen sagen: Ihr müsst uns leider vergessen, es ist zu eurer eigenen Sicherheit", erklärte sie. Später wurde sie Mitglied im Presseclub Belarus und dehnte ihre Aktivitäten in den Bereichen Journalismus und Kunst aus, indem sie Videos über junge belarussische Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung produzierte.
"Ich kam zum Presseclub Belarus, um dort zu lernen, wie ich selbst Videos produzieren kann", sagte sie, "da es schwierig geworden ist, jemand Professionelles zu beauftragen, ein Video für dich aufzunehmen".
Ihre kurzen TikTok-Videos beschäftigten sich mit einem belarussischen Künstler, der in Krakau lebt. Die Videos erreichten innerhalb kurzer Zeit 60.000 Views – und führten dazu, dass dem Teenager wichtige digitale Geräte und Ausstattung gespendet wurden.
Für Korolyova hat das Leben im Exil die Trennung zwischen Journalismus und Aktivismus verwischt. "Manchmal ist es schwer, zwischen den beiden zu unterscheiden", sagte sie. "Ich denke für mich funktionieren sie nur in Kombination. Ich weiß, wie ich ein Thema angehe, ich habe für mich den Bereich abgesteckt, mit dem ich mich beschäftigen will und ich will eine Veränderung erreichen."
Publikumsbeteiligung trotz finanzieller Einschränkung und Zensur
Auch aus dem Exil spielen unabhängige Medien eine wichtige für die Bereitstellung verlässlicher und glaubwürdiger Informationen für die Menschen im Land. Doch die Behörden in Belarus blockieren gezielt unabhängige Medienseiten, indem sie diese als extremistisch einstufen und auch den Medienkonsum unter Strafe stellen.
"Die meisten unabhängigen Medien waren gezwungen zu flüchten und aus dem Exil heraus zu arbeiten", sagte Belokhvostik vom Presseclub Belarus. "Unsere Leserinnen und Zuschauer bleiben in Belarus, aber der Konsum unabhängiger Medien ist jetzt kriminalisiert. Unsere Konsumentinnen und Konsumenten sind damit die mutigsten Menschen im Land."
"Gleichzeitig", ergänzte sie, "wurde den Exilmedien offiziell die Existenzgrundlage entzogen, und trotzdem werden sie manchmal sogar von Regierungsseite zitiert."
Da viele Exilmedien abhängig sind von Spenden und Krediten hat die globale Unsicherheit im Bereich der Medienfinanzierung ihre Arbeit weiter erschwert.
Dazu hat auch die Entscheidung der US-Regierung beigetragen, die globalen Entwicklungsgelder des US-Außenministeriums und der Entwicklungsbehörde USAID auszusetzen. Dutzende unabhängige Medienhäuser in über 30 Ländern sind davon stark betroffen, darunter auch belarussische Exilmedien.
"In Belarus hatte ich das Privileg, selbst zu entscheiden, über welche Themen ich berichte", sagte Korolyova. "Hier im Exil gibt es diesen Luxus nicht, denn wir müssen Themen bearbeiten, die uns für eine Zeit lang finanziell über Wasser halten. Programme wie Space for Freedom helfen uns dabei, Themen zu bearbeiten, die wir schon lange zurückgehalten haben, und all unsere Kraft und Energie in diese Themen zu stecken."
Doch mit wachsender finanzieller Unsicherheit hinterfragen viele Journalistinnen und Journalisten im Exil ihre Karriere. Einige verlassen den Journalismus zugunsten eines gesicherteren Einkommens.
"Unsere Gemeinschaft besteht aus professionellen Medienschaffenden und es war herzzerreißend zu sehen, dass viele von ihnen aufgrund der wirtschaftlichen Lage gezwungen waren, ihre Profession zu aufzugeben", sagte Belokhvostik. "Wegen dieses Programms konnten einige von ihnen bleiben."
Die Hannah-Arendt-Initiative ist ein Programm der Bundesregierung zum Schutz von Medienschaffenden aus Krisen- und Konfliktgebieten. Das Projekt Space for Freedom der DW Akademie wird vom Auswärtigen Amt gefördert. Im Mittelpunkt stehen Journalistinnen und Journalisten aus Afghanistan, Russland, Belarus und Mittelamerika.


