Nach USAID-Ende: Ein Radio-Projekt für sozialen Zusammenhalt

“Du siehst die Panik in den Gesichtern, die Menschen haben alle Hoffnung verloren, ihnen fehlt jegliche Perspektive. Ich glaube nicht, dass wir so etwas in der Geschichte von Kakuma schon einmal erlebt haben“, sagt Taphine Otieno, Content Development Coordinator für das Sikika Community Radio-Projekt im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia.
Als US-Präsident Donald Trump im Januar 2025 verkündete, die amerikanische Entwicklungshilfeorganisation USAID aufzulösen, wurde schnell klar, dass diese Entscheidung vor allem die Ärmsten der Armen treffen würde. Laut UN waren die USA bis zu diesem Zeitpunkt mit 43 % dergrößte globale Geber humanitärer Hilfen.
Innerhalb kürzester Zeit wurden in Entwicklungsprojekten auf der ganzen Welt Mitarbeitende abgezogen und Finanzhilfen eingestellt.
Die Entscheidung traf zudem Flüchtlingslager besonders hart, die auf internationale Gelder in verschiedensten Bereichen wie Nahrungsmittelhilfe, Gesundheitsversorgung, Sicherheit und Bildung angewiesen sind.
Eines der Flüchtlingslager ist Kakuma in Kenia, noch im vergangenen Jahr hatten die USA hier 70 Prozent der Mittel für das Welternährungsprogramm bereitgestellt.
"Es geht ums tägliche Überleben"
Das Flüchtlingslager Kakuma im Nordwesten Kenias ist eines der größten weltweit, hier leben über 303.000 Geflüchtete aus dem Südsudan, dem Sudan, Somalia und Äthiopien sowie der Demokratischen Republik Kongo, Burundi und Ruanda. Im Jahr 2020 gründete die DW Akademie gemeinsam mit der Organisation FilmAid Kenya die Audio-Plattform "Sikika", die den Menschen in Kakuma und den umliegenden Regionen verlässliche Informationen zur Verfügung stellt.

Yiel Awat arbeitet seit vier Jahren bei Sikika. Als einer von 12 Community-Reportern produziert er Nachrichten und Berichte für rund 225 Hörergruppen. Awat kam im Jahr 2015 selbst als Geflüchteter aus dem Yei River County in Südsudan nach Kakuma, vor seinem Training bei der DW Akademie hatte er nie eine Redaktion betreten oder journalistisch gearbeitet.
Doch Awat hatte in der Vergangenheit am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn politische Eliten ihre Macht missbrauchen und die Bevölkerung durch Falschinformation manipulieren. Daraus entstand sein Wunsch, für Sikika zu arbeiten, verlässliche Informationen für die Menschen im Flüchtlingslager bereitzustellen und sie so dabei zu unterstützen, informierte Entscheidungen zu treffen.
Seit der Schließung der Entwicklungsbehörde USAID erleben Awat und seine Kolleginnen und Kollegen täglich, wie sich die Kürzungen auf alle Lebensbereiche der Menschen vor Ort auswirken.
"Es ist gleichzeitig traurig und schockierend zu sehen, dass kaum noch medizinisches Personal vor Ort ist", sagt er. "Stell dir vor wie Menschen reagieren, die schon fast alles verloren haben, wenn ihnen auch die medizinische Grundversorgung gekürzt wird. Frauen haben keinen Zugang mehr zu Hygieneprodukten, sie geraten in verzweifelte Situationen und werden ausgebeutet, weil sie keinen anderen Ausweg sehen."
"Es geht ums tägliche Überleben", ergänzt sein Kollege Taphine Otieno. "Bei Überflutungen vor einigen Wochen wurden ganze Häuser weggespült, es gibt kein Geld, um neue zu bauen, Dächer zu reparieren, Essen zu kaufen. Die meisten Menschen hier leben von einer einzigen Mahlzeit am Tag, manchmal ist selbst diese schwer zu bekommen. Kinder gehen nicht mehr zur Schule, die meisten Organisationen haben ihr Personal abgezogen."
Und in den nächsten Wochen, so Otienos Sorge, könnte sich die Lage weiter zuspitzen: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ohnehin hohe Zahl an Suiziden hier vor Ort noch weiter zunimmt und es aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich ist, sich frei im Lager zu bewegen."
Sikika bleibt ein Ort für offenen Dialog
Doch gerade in einer Zeit, in der Lebensmittelvorräte knapp werden und Unterstützung ausbleibt, wissen Otieno und sein Team um die wichtige Rolle von Sikika als verlässliche Nachrichtenquelle und Ort des Vertrauens.
"In dieser Situation ist Kommunikation überlebenswichtig", erklärt er. "Wenn du nicht effektiv kommunizierst, beginnen die Leute mit ihren eigenen Interpretationen und fangen an, Gerüchte zu streuen."
Gerade jetzt seien die Menschen auf verlässliche Informationen angewiesen, vor allem solche, die ihr Leben direkt betreffen.
"Wenn es keine Lebensmittelrationen gibt und du weißt darüber Bescheid", sagt er, "ist das besser, als viele Stunden Schlange zu stehen, um dann plötzlich zu erfahren, dass es nichts zu essen gibt."
Sikika erfüllt daher eine wichtige Vermittlerrolle und teilt Informationen zwischen humanitären Organisationen und der lokalen Bevölkerung vor Ort. Zusätzlich bieten sie Erklärungen zu komplexen Themen an.

"Ein Beispiel", so Otieno, "sind die Proteste gegen den Shirika-Plan [eine geplante Maßnahme der kenianischen Regierung über den Zeitraum von 10 Jahren, bei der die Geflüchteten stärker in lokale Strukturen integriert werden sollen]. Es gab weitreichende Demonstrationen, die Menschen waren wütend. Aber als wir anfingen, ihnen das Thema Integration näher zu erklären, konnten wir sehen, dass die Wut plötzlich abebbte. Die öffentliche Meinung wandelte sich von ‚Wir wollen nichts damit zu tun haben‘ zu ‚Lasst uns darüber diskutieren‘."
Die Stimmen der Menschen im Fokus
Auch die Arbeit von Sikika verändert sich mit den neuen Gegebenheiten vor Ort. Aufgrund der Budget-Kürzungen haben viele humanitäre Helferinnen und Helfer das Lager verlassen, entsprechend ändern sich auch die Themen der Dialogveranstaltungen, die Otieno und sein Team organisieren.
"Wir haben entschieden, den Stimmen der betroffenen Menschen vor Ort mehr Raum zu geben", erklärt er.
Ein Beispiel: Um den Bewohnerinnen und Bewohnern von Kakuma die Möglichkeit zu geben, über ihre Sorgen und Nöte nach den Budget-Kürzungen zu sprechen, widmete Sikika eine Folge ihres Programms dem Thema "Was geschieht, wenn Hilfsgelder ausbleiben?". Laut Otieno hilft dieser Ansatz dabei, den sozialen Zusammenhalt im Lager zu stärken.
"Wir nutzen die Plattform für die Community, um Ideen zu teilen", sagte er. "Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wut nachlässt, wenn die Menschen die Möglichkeit haben, ihre Sorgen und Probleme auszusprechen."
Dennoch bleibt auch Sikika von den aktuellen Entwicklungen nicht unberührt. Nicht nur die USA, auch andere Länder haben in den vergangenen Monaten ihre Gelder für humanitäre Hilfe und internationale Entwicklung reduziert oder mussten sie umverteilen. Ursprünglich bedeutete ein kleineres Budget für Sikika eine erhebliche Verringerung der Zahl an Hörergruppen. Doch die Gemeindemitglieder erkannten die wichtige Rolle der Plattform an und entschieden, die Last gemeinsam zu schultern. Sie alle stimmten einer geringeren Aufwandsentschädigung zu, und so konnten 225 von ursprünglich 290 Gruppen ihre Arbeit bis heute fortsetzen.
"Wir sind selbst Teil der Geschichte"
Auch die redaktionelle Arbeit im Flüchtlingslager kann herausfordernd und sogar gefährlich für das Team von Sikika werden. Einerseits fungieren die Community Reporter als Mittler zwischen humanitären Organisationen und den Menschen vor Ort und werden so selbst zur Zielscheibe von Wut und verzweifelten Aggressionen. Doch viel häufiger geraten sie in die Situation, ihren Protagonistinnen und Protagonisten erste Hilfe leisten zu müssen, berichtet Otieno.
“Die Arbeit in Kakuma ist herausfordernd, manchmal frage ich mich, ob ich wach bin oder das gerade träume, was hier geschieht. Zum Beispiel wenn du ein Interview führen möchtest und dein Interviewpartner erzählt dir, dass er am Morgen aufgewacht ist und sich jemand aus seiner Familie gerade das Leben nehmen wollte. Oder dass jemand in der Nacht das komplette Haus ausgeräumt und allen Besitz gestohlen hat. Oder jemand erzählt dir, dass sein Haus gerade niedergebrannt ist. Du fragst dich, was du tun kannst, aber gleichzeitig weißt du, dass du nicht jedem helfen kannst. Unsere Aufgabe ist es zuzuhören und Sichtbarkeit für die Probleme zu schaffen.“

Außerdem ist die tägliche Arbeit immer wieder herausfordernd, da die Reporterinnen und Reporter von Sikika selbst in Kakuma leben und vor den gleichen Problemen stehen wie die Protagonistinnen und Protagonisten ihrer Geschichten.
"Wenn es keine Essensrationen gibt, dann betrifft das auch unser Team“, erklärt Otieno. „Wenn es keine Gesundheitsversorgung mehr gibt, sind sie ein Teil davon. Wenn ihre Häuser weggeschwemmt werden, rufen unsere Kollegen an und können den Rest der Woche nicht zur Arbeit kommen, weil sie kein Dach mehr über dem Kopf haben."
Der gemeinsame Umgang mit traumatischen Erfahrungen gehöre daher zur täglichen Routine.
"Häufig sitzen wir zusammen, sprechen über unsere Probleme, trösten uns, und lachen, ganz wie eine Familie", sagte er. "Das geht über unser Team hinaus und betrifft auch die Listener Groups da draußen."
Doch trotz aller Schwierigkeiten denken Otieno und sein Team nicht ans Aufgeben. Ihnen ist bewusst, wie wichtig ihre Arbeit für den Zusammenhalt der Gemeinschaft ist.
Denn die Menschen seien verunsichert, wenn sie ihre Informationen nicht aus erster Hand von Sikika erhalten: "Wenn in der Gemeinschaft etwas passiert, sind wir die Ersten, die gefragt werden: Stimmt das? Was denkt ihr darüber? Könnt ihr mehr darüber herausfinden? Ich sehe hier einen direkten Effekt unserer Arbeit."
Und auch die Unterstützung von Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten wie Awat spielt laut Otieno eine wichtige Rolle.
"Vor Sikika hat er nicht in den Medien gearbeitet oder Journalismus studiert", sagt er über seinen Kollegen, „aber jetzt sehe ich, wie er loszieht und Interviews führt und dann mit Geschichten zurückkehrt, die das Leben eines Menschen verändern können. Das ist für mich der beste Teil von Journalismus."
Und auch Yiel Awat ist der festen Überzeugung, dass er mit seiner Arbeit den Menschen in Kakuma hilft, mit den täglichen Herausforderungen besser umzugehen.
"Mit jeder Geschichte, die ich erzähle", sagt er", "und mit jeder Person, mit der ich spreche, verändere ich ein Leben da draußen. Wenn es ihr Leben auch nur ein kleines bisschen besser macht, wenn die Information, die ich ihnen gebe, sie in ihrem Alltag unterstützt oder ihnen hilft, die Welt besser zu verstehen, dann bedeutet das alles für mich. Daher wache ich jeden Morgen auf und weiß genau, dass ich weiter machen muss, so lange ich kann."
Die Audio-Plattform Sikika bietet verlässliche Informationen für über 303.000 Menschen, die im Flüchtlingslager Kakuma und umliegenden Gebieten leben. Die Plattform wurde im Jahr 2020 von der DW Akademie und FilmAid Kenya aufgebaut. Inzwischen ist es ein gemeinsames Projekt der kenianischen Organisation COME Initiative und der DW Akademie mit dem Ziel, die Kommunikation zwischen den Geflüchteten, der aufnehmenden Gesellschaft und den humanitären Organisationen vor Ort, die grundlegende Unterstützung wie Nachrungsmittelhilfe, Gesundheitsversorgung und Bildungsangebote anbieten, zu verbessern. Das Projekt wird unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

