Welche Chancen hat freier Journalismus in Syrien?

Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 ist das syrische Mediensystem im Umbruch. Im Zuge des Wiederaufbaus soll es professionalisiert werden und künftig auch kritische Stimmen berücksichtigen.

Deutschland Berlin | Delegationsreise Syrien | Aufnahme in Berlin
Syrische Medienschaffenden nahmen im Februar 2026 an einer Delegationsreise nach Berlin teil.Bild: Lina Eikelmann/DW

Während der Diktatur unter Bashar al-Assad galten syrische Medien als Sprachrohr der regierenden Baath-Partei. Oppositionelle Stimmen sowie unabhängige Journalistinnen und Journalisten wurden systematisch unterdrückt und verfolgt. Inzwischen haben die Staatsmedien unter der Übergangsregierung von Ahmed al-Scharaa, dem ehemaligen Anführer der HTS-Rebellen, ihren Betrieb wieder aufgenommen.

Die DW Akademie sprach mit Heva Abd Alkader, kurdische Journalistin beim unabhängigen Radiosender ARTA FM und Omar Faroun, Chefredakteur des Staatsmediums SANA, über ihre Erfahrungen während des Bürgerkriegs, die aktuelle Lage und ihre Vorstellungen von einem freien Journalismus in Syrien.

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Heva Abd Alkader berichtete schon während des Bürgerkriegs für den unabhängigen kurdischen Radiosender ARTA FM aus dem Nordosten Syriens. Bild: Lina Eikelmann/DW

Zusammen mit anderen syrischen Medienschaffenden nahmen sie im Februar 2026 an einer vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierten Delegationsreise der DW Akademie nach Berlin teil.

Ihre Jugend war auf sehr unterschiedliche Weise von Flucht und Krieg geprägt. Was hat Ihnen in dieser Zeit Halt gegeben?

Heva Abd Alkader: Ich bin während des Kriegs als Tochter einer kurdischen Familie in Aleppo aufgewachsen. Wir waren damals jeden Tag in Lebensgefahr, Überleben wurde daher zu meinem größten Traum. Für die Schule musste ich oft bei Kerzenlicht lernen, doch mein Vater sagte mir fast jeden Tag: „Bildung ist die Waffe der Frau. Du musst lernen, egal unter welchen Umständen“.  Während des Kriegs habe ich meine Gedanken oft auf lose Zettel geschrieben. All das, was um mich herum passierte, versuchte ich so gut es ging ‚wegzuschreiben‘. Auch wenn ich so schon immer über die Realität schrieb, die ich selbst erlebte, war Kurdisch vom Assad-Regime verboten. Ich kannte in Aleppo niemanden, der die Realität der kurdischen Menschen journalistisch in Worte fasste.

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Als Chefredakteur von SANA treibt Omar Faroun den Umbau der staatlichen Nachrichtenagentur voran. Bild: Lina Eikelmann/DW

Omar Faroun: Ich habe es schon immer geliebt, zu lesen und später davon geträumt, Journalist zu werden. Von meiner Persönlichkeit her bin ich eher ein Zuhörer und Beobachter, aber ich rede sehr gern, wenn es wichtig wird. Als Jugendlicher habe ich in meiner Heimatstadt Homs oft die offiziellen Zeitungen gelesen — aber darin nie das gefunden, wonach ich suchte.

Wonach haben Sie denn gesucht?

Faroun: Nach internationalen Nachrichten und Analysen über das politische Geschehen in Syrien. Ich war schon immer sehr daran interessiert, was um uns herum passierte, aber in Syrien gab es keine freie Presse. Es ging immer nur um "der Präsident hat dies, der Präsident hat das…". Später begann ich dann, den Nachrichtensender "Al Jazeera" zu schauen und meine Meinung und Gedanken in Tagebüchern festzuhalten. Diese Dokumente sind aber alle bei einem Bombenangriff auf unser Haus zerstört worden.

Während der Revolution und des Bürgerkriegs haben Sie beide Widerstand gegen das Assad-Regime geleistet. Wie kam es dazu?

Abd Alkader: Ich habe nach der Schule angefangen, Wirtschaft in Aleppo zu studieren – hier spürte ich tagtäglich die systematische Unterdrückung der Kurdinnen und Kurden durch das Assad-Regime. Nach dem Studium bin ich dann in die Stadt Amuda gezogen, die im Gouvernement Al-Hasaka liegt – in der Region Rojava.

Dort, im Nordosten Syriens, entstand mit Beginn des Bürgerkriegs 2011 eine de-facto autonome kurdische Selbstverwaltung.

Abd Alkader: Genau, in Amuda habe ich eine komplett neue Realität vorgefunden: Ich habe zum ersten Mal erlebt, dass ich meine eigene Sprache sprechen und auch in dieser arbeiten durfte. Für mich war kurdischer Journalismus ein wahr gewordener Traum. Ich sah die Chance kurdische Realität vermitteln zu können – und damit habe ich dann bei ARTA FM auch begonnen. Mir ist dabei sehr wichtig zu betonen, dass ich nicht Teil der politischen Opposition bin oder war. Ich bin unabhängige Journalistin, keine politische Aktivistin. Ich stehe für demokratische und freiheitliche Werte ein – Werte, die mit dem Assad-Regime unvereinbar waren.

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Die syrische Delegation besuchte auch die Studios der DW in Berlin. Bild: Lina Eikelmann/DW

Faroun: Ich habe mich der Opposition 2011 angeschlossen, als die Revolution ausbrach. Mein Vater hatte früher eine sehr gute Stellung in der Regierung unter Assad – als er aber Zeuge vieler Korruptionsfälle wurde, gab er sie auf. In der Folge wurde meine Familie systematisch verfolgt. In meiner Jugend waren wir ständig auf der Flucht. Später habe ich in Homs angefangen, Englische Literatur zu studieren. In meinem ersten Uni-Jahr brach dann die Revolution aus. Anfangs haben wir friedlich gegen die Regierung demonstriert, doch es kam zu Straßenkämpfen, weil die Regierung behauptete, wir wären bewaffnet. Ich musste zusehen, wie hunderte Demonstrierende vor meine Augen erschossen wurden – darunter auch mein Freund, den ich ihn wegtragen musste. Wenn man so etwas sieht, kann man nicht anders, als sich der Opposition anzuschließen. Als Homs belagert wurde, habe ich mein Studium in Idlib fortgesetzt.

Idlib in Nordwestsyrien galt als die Rebellenhochburg. Ab 2017 wurde dort eine zivile Verwaltungsstruktur der Hay'at Tahrir al-Sham (HTS) und anderer Oppositionsgruppen gegründet, die weite Teile Idlibs und Umgebung quasi-regierte.

Faroun: Ja, Idlib war die Region, die frei war. An der Uni waren wir circa 20.000 Studierende. Viele Syrer, die sich dem Assad-Regime widersetzten, flohen entweder ins Ausland oder in die Region um Idlib. Wir hatten eines gemeinsam: Wir wollten nicht länger unter dieser Regierung leben. Wir begannen, eigene Medien aufzubauen, die die öffentliche Meinung in diesen Gebieten repräsentierten. Ich habe Journalismus durch Weiterbildungsangebote der regionalen Medienagenturen erlernt. Während der Revolution habe ich außerdem als Lehrer in Geflüchtetenlagern gearbeitet, denn Kinder auf der Flucht dürfen nicht ohne Bildung bleiben.

Welche Perspektive sehen Sie für Ihre journalistische Arbeit in Syrien?

Abd Alkader: Bei ARTA werden wir weiter unabhängig von staatlichen Agenden berichten und uns an journalistische Standards halten. Das Blutvergießen hat zwar aufgehört und wir sehen Anzeichen einer Integration – das wird uns aber nicht davon abhalten, unsere vollständigen Rechte einzufordern, damit es künftig keine Unterdrückung der Kurden in Syrien mehr gibt. Bei ARTA haben wir außerdem spezielle Trainingsprogramme und das Projekt "Radio Zîn", in dem Frauen journalistisch ausgebildet werden und über ihre eigenen Themen sprechen können. Auch diese Arbeit werden wir fortsetzen.

Faroun: Als Chefredakteur von SANA achte ich auf eine gleichberechtigte Repräsentation aller Völker und Ethnien in den Newsrooms. Die vorherige Regierung hat die Menschen gegeneinander aufgehetzt, die aktuelle Regierung möchte alle Menschen integrieren. Zudem wollen wir alle Meinungen abbilden, auch Probleme und Leid. Es muss stets das große Ganze gezeigt werden. Zum Beispiel ist es bei SANA Routine, über alle religiösen Feste im Land zu berichten. Nachrichten müssen darüber hinaus zuverlässig sein und den Fakten entsprechen: durch Reporter vor Ort, Regierungskontakte und Interviews mit Augenzeugen wollen wir dies sicherstellen. Frühere Redakteure unter Assad haben wir umgeschult.

Beschäftigt SANA auch Frauen?

Faroun: Sicher. Ich kann keinen Prozentsatz nennen, aber es gibt sie. Die Begabtesten sind Frauen.

Während der Delegationsreise haben Sie als unabhängige beziehungsweise staatliche Medienschaffende intensive Tage miteinander verlebt – waren die Perspektiven verschieden?

Abd Alkader: Wir haben zusammen gelernt, gegessen und an Sitzungen teilgenommen. Es gab keinen offenen Konflikt oder Spannungen. Natürlich hat jeder persönliche Überzeugungen, aber wir sind hierhergekommen, um von den deutschen Medien zu lernen. Außerdem bin ich nicht hier, um politische Konflikte auszutragen. Letztlich wollen wir alle ein besseres Syrien.

Faroun: Wir haben eigentlich nur den Berliner Schnee so richtig kennengelernt (lacht). Ernsthaft, wir haben uns gut verstanden und respektvoll miteinander gesprochen. Wir haben unterschiedliche Erfahrungen während der Revolution gemacht und haben auch unterschiedliche Ansichten – wir sind aber einer Meinung, dass Syrien mit eigenen Händen und Kräften wieder aufgebaut werden muss.

Zum Schluss: Sie haben in Berlin unter anderem mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Stiftungen und Medieninstitutionen gesprochen. Welche Rolle könnte Deutschland beim Wiederaufbau der syrischen Medienlandschaft spielen?

Abd Alkader: Wir brauchen nachhaltige Unterstützung, damit wir als unabhängige Medien bestehen können. Erfahrungswerte aus einer freien Presselandschaft, Trainings und Kooperationen sind besonders wichtig. In Syrien gibt es viele junge, engagierte Menschen, deren Energie wir richtig einsetzen können, wenn wir sie professionell ausbilden. Wir haben lange in Isolation gelebt. Diese Reise hat meinen Horizont erweitert. Auch umgekehrt würde ich mir wünschen, dass Menschen aus Deutschland nach Amuda kommen, um unsere Stadt und Kultur kennenzulernen. Ich war beeindruckt davon, wie Deutschland – trotz Krieg und Teilung – wieder Stück für Stück aufgebaut wurde. Das macht mir als Teil der jungen Generation große Hoffnung. Auf Kurdisch sagen wir: "Jin, Jiyan, Azadî" – Frau, Leben, Freiheit.

Faroun: Diese Reise war sehr interessant und ich habe mich darüber gefreut, die Strukturen und Funktionsweisen des deutschen Mediensystems so intensiv kennenzulernen — besonders die Idee der Bundespressekonferenz ist sehr spannend. Ich muss nun erstmal überlegen: Inwiefern entspricht das, was wir hier gesehen haben, der syrischen Realität? Und dann muss man schauen, was sich konkret umsetzen lässt.

Interview: Lina Eikelmann

Zusammenarbeit/Übersetzung: Maryam Kamel