COP 30: „Wir müssen zu den Verhandlungstischen vordringen“

Eigentlich fühlt sich die Community-Journalistin Juliana Albuqerque am Mikrofon am wohlsten. In der Amazonaskleinstadt São Gabriel da Cachoeira am Rio Negro, ist ihre Stimme vertraut und geschätzt, als Nachbarin, als Indigene, als Frau. Aber ungewöhnliche Themen verlangen nach ungewöhnlichen Mitteln.
Als sich Albuqerque vor ein paar Monaten mal wieder über den zugemüllten Stadtstrand beschwert, bringt sie ein Arbeitskollege auf eine verrückte Idee. „Umweltfragen waren mir immer schon wichtig und so schnappte ich mir schließlich die Kamera, machte ein Foto von dem Dreck im Fluss und untertitelte es ‚Komm und entdecke die ganze Schönheit von São Gabriel da Cachoeira ‘, der Slogen, mit dem sonst das örtliche Tourismusbüro wirbt“, erzählt sie. Freunde von ihr stellen das Bild online und es geht viral.
Der Bürgermeister tobt, stellt Nachforschungen wegen Verleumdung an. Doch die öffentliche Reaktion geht in eine andere Richtung: Albuqerque bekommt viel Applaus für die Aktion. Bei zwei Arbeitseinsätzen sammeln die Menschen der Kleinstadt bald darauf acht Tonnen Müll ein.

Journalismus für das Gemeinwohl
Die Geschichte illustriert recht gut die Arbeitsweise von Albuqerque: Die Mittel variieren, das Ziel ist stets das gleiche, nämlich das Wohl ihrer Gemeinde und der Schutz der 23 indigenen Gruppen in ihrem Landkreis.
Es ist dieses Engagement, das die heute 39-Jährige auf Umwegen zum Journalismus bringt. Albuqerque arbeitet nach der Schule zunächst als Zahntechnikerin in einer öffentlichen Klinik. Dort erlebt sie, wie Menschen nicht behandelt werden, weil sie nicht korrekt als Einwohner registriert sind. Kurzentschlossen wechselt sie als Sekretärin „ins letzte Notariat vor der venezolanischen Grenze, dem einzigen Ort in der Gegend, um solche formellen Dokumente auszustellen.“ Dutzenden Menschen hilft sie beim Erwerb der notwendigen Papiere bis eine neue Chefin für die Bearbeitung hohe Gebühren verlangt. Albuqerque lässt sich trotz Beförderung kündigen: „Für mich hatte die Arbeit dort so keinen Sinn mehr.“
Inzwischen war das regionale Frauenreferat auf sie aufmerksam geworden und stellt sie ein, um einen monatlichen gedruckten Newsletter zu betreuen. „Ich sollte darin Geschichten von Frauen erzählen, von ihrer Arbeit in den Gemeinden, die dort oft nicht gewürdigt wird“, erinnert sich Albuqerque. Für sie ist der Job komplettes Neuland. Um die Frauen kennenzulernen und sie im Alltag zu begleiten, reist sie in abgelegene Dörfer, die oft drei Tagesreisen mit dem Boot entfernt liegen. „Es war eine unglaubliche Erfahrung, ich war fast die ganze Zeit unterwegs“ – zum Recherchieren und zum Verteilen des gedruckten Newsletters, an Orten, wo Neuigkeiten meist mündlich weitergegeben werden, in denen es kein oder kaum Internet gibt.
Ein Mediennetzwerk gegen Desinformation und Anfeindungen
Albuqerque sieht vielerorts, wie das Fehlen verlässlicher Nachrichten zum ernsten Problem für die Gemeinden wird. Politik und Unternehmen streuen gezielt Gerüchte. Die Menschen kehren von ihren Besuchen in São Gabriel da Cachoeira nicht nur mit Öl und Zucker zurück. In den Whatsapp-Gruppen ihrer Handys bringen sie auch reichlich Fake News mit. Nicht selten werden damit unbequeme indigene Gemeindevertretende oder Umweltaktivistinnen und -aktivisten deskreditiert, um leichter umstrittene Bergbau- oder Viehzuchtprojekte durchzusetzen. Als 2017 die Anfeindungen überhandnehmen, gründen Bürgerinnen und Bürger sowie Journalistinnen und Journalisten das Mediennetzwerk Rede Wayuri.

Die Medienstrategie von Rede Wayuri setzt an der oralen indigenen Kultur an: Den meist anonymen und vagen Anschuldigungen soll mit Fakten und Vertrauen begegnet werden, nicht im Minutentakt in sozialen Medien, sondern in einer wöchentlichen Radiosendung. Schnell findet sich ein privates Lokalradio, das ihnen gegen Bezahlung einen Sendeplatz überlässt. Das Problem: Niemand hat mit einem solchen Format Erfahrung, auch nicht Albuqerque. Doch als sie gefragt wird, sagt sie nach einigem Zögern trotzdem zu. „Ich habe viele Nächte darüber nachgedacht. Soll ich es tun? Habe ich den Mut dazu? Aber es war eine Gelegenheit, unsere Rechte, unser Land, unseren Wald zu verteidigen. Ich wollte meine Kinder dort großziehen, wo schon ich als Kind im Fluss gebadet habe.“
Ihre Hörerschaft wächst schnell. Aufnahmen der Sendungen zirkulieren auf USB-Sticks. Dann kommt die Corona-Pandemie und die Informationen von Rede Wayuri werden im wörtlichen Sinne lebenswichtig. „Manche Freiwillige fuhren mit Lautsprecherwagen durch die Straßen. Andere übersetzten kurze Nachrichtenprogramme in indigene Sprachen, gaben praktische Tipps über Funkgeräte weiter. Sie waren an vorderster Front. Sie gehörten nicht zum Gesundheitswesen, aber sie waren jeden Tag da und gaben den Menschen Orientierung“, erinnert sich Albuqerque.
Längst hat Rede Wayuri Kapazitäten für mehr als eine Live-Sendung und ein paar Newsclips pro Woche. Aber eine eigene Station zu gründen sei zu teuer und eine Lizenz zu bekommen ein langwieriges Unterfangen gewesen, so Albuqerque. Also weichen sie und ihre Kolleginnen und Kollegen im Jahr 2022 auf eine ungewisse Alternative aus: Internetradio. Würde ihnen das Publikum dorthin folgen? Würden sie ihren mühevoll gewonnen Einfluss in den Weiten des Webs verlieren? Drei Jahre später zieht Albuqerque eine positive Bilanz. Diverse Programme werden live oder als Podcasts angeboten und auch über Soziale Medien geteilt. „Dass sich der Zugang zum Internet verbessert hat, kommt uns entgegen. An einigen Orten gründen die Menschen auch sogenannte Community Netzwerke, um gemeinsam und nachhaltig für Konnektivität zu sorgen. Und manchmal schließen Leute ihr Handy auch einfach an einen Lautsprecher an und die Menschen hören gemeinsam.“
Verständlich über die Klimakonferenz berichten
Warum Rede Wayuri so erfolgreich ist, habe sich einmal mehr im Vorfeld der Weltklimakonferenz COP 30 gezeigt, die dieses Jahr in der Amazonas-Metropole Belém stattfindet. „Wir berichten in unserer Sprache, die keine Fachsprache ist, über komplexe Themen, wie z.B. Co2-Zertifikate. Wir übersetzen den Kontext der COP 30 in die Lebenswelt der indigenen Gemeinden, damit sie verstehen können, was dort verhandelt wird und wie es sie betrifft.“ Das sei eine Herausforderung, sagt Albuqerque, aber gleichzeitig auch sehr befriedigend. „Wir leiten auch Anzeigen gegen Umweltverbrechen über das Radio weiter. Illegaler Goldabbau ist überall im Amazonas ein Problem, die lokale Politik wird schnell zum Komplizen. Wir nutzen die Stimme des Radiomediums, das öffentlich zu machen.”
Ungefährlich ist diese Arbeit nicht. Es gebe immer wieder Drohungen aber bisher zum Glück keine Angriffe, so wie es andere indigene Medienmachende auf dem Weg zur COP 30 berichten.

Seit Monaten mobilisieren Community-Medien, indigene Aktivistinnen und Aktivisten, Umweltschützerinnen und -schützer sowie ihre Verbündeten dafür, dass die Weltklimakonferenz den brasilianischen Regenwald nicht nur als grüne Kulisse benutzt.
Viele Delegationen reisen auf kleinen Booten an, nutzen die Zeit an Bord für einen Austausch und für die Planung einer koordinierten Berichterstattung. Albuqerque hat dabei auf dem Schiff Karolina do Norte, das die brasilianische NGO und Partnerorganisation der DW Akademie, Projeto Saúde e Alegria, charterte, eine besondere Aufgabe. Sie berät ein entstehendes überregionales Medien-Projekt, dass Programme verschiedener Community-Medien kuratiert und so den Austausch von Neuigkeiten, Wissen und Musik untereinander fördern will.

„Die Menschen sollen sich in den anderen wiedererkennen, klar sehen, dass sie nicht allein sind.“ Nur so können sie auch nachhaltig Veränderungen beim Umweltschutz und anderen Themen anstoßen, ist sich Albuqerque sicher: „Wir wissen, dass wir auf der COP 30 einen schweren Stand haben. Aber wir müssen zumindest versuchen, zu den Verhandlungstischen durchzudringen. Das wird keinen unmittelbaren Effekt haben. Aber wir werden die Forderungen von denen hörbar machen, die am stärksten vom Klimakollaps betroffen sind. Sie müssen nachhallen und auf der nächsten Klimakonferenz ganz oben auf der Tagesordnung stehen.“





