Trauma belastet Medienschaffende in Nahost und Nordafrika

Bei der Berichterstattung erleben Journalistinnen und Journalisten oft traumatische Situationen. Es für sie nicht immer einfach zu erkennen, wann sie psychologische Hilfe brauchen.

Eine Frau in kugelsicherer Weste mit Aufschrift "Presse" und Kinder laufen eine Straße vor komplett zerstörten Häusern entlang
Medienschaffende in Nahost und Nordafrika sind ständig mit traumatischen Situationen konfrontiert, insbesondere in GazaBild: DW

Wie Feuerwehrleute und Polizisten sind Medienschaffende oft die ersten am Einsatzort. Laut dem Dart Center for Journalism and Trauma sind Journalistinnen und Journalisten jedoch meist die letzten, die die psychischen Belastungen ihrer Arbeit erkennen. 

Bei Medienschaffenden, die in Konfliktregionen leben, und solchen, die über Krisen und Katastrophen berichten zeigen sich Traumata auch dann noch, wenn die Kamera längst nicht mehr läuft und ihre Geschichten veröffentlicht sind.

Welche Bedeutung haben Traumata für Medienschaffende, und wie können sie damit umgehen, sowohl bei ihrer Arbeit als auch nach ihrer Rückkehr nach Hause? 

Die Definition von Trauma 

Ein Trauma ist eine beunruhigende Erfahrung, die langanhaltende negative Auswirkungen auf eine Person hat. Nicht jedes Trauma führt zu Erkrankungen wie der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), doch es kann das Leben der Betroffenen auf vielfältige Weise beeinträchtigen. 

Nur weil jemand etwas Traumatisches erlebt hat, heißt das noch lange nicht, dass er traumatisiert ist,” erklärt Khaled Nasser, Ausbilder und Berater für psychische Gesundheit am Dart Center. Nasser, der aus dem Libanon stammt, hat als Traumatherapeut mit Medienschaffenden aus der gesamten Region Nahost und Nordafrika (MENA) gearbeitet und auch Schulungen in Projekten der DW Akademie angeboten. 

Die Forschung zeigt, dass nur etwa 20 Prozent der Menschen, die ein traumatisches Ereignis erleben, Symptome wie Panikattacken, Schlaflosigkeit oder eine verstärkte Kampf-oder-Flucht-Reaktion entwickeln. Auch erholen sich die meisten Menschen von traumatischen Ereignissen und leben ihr Leben normal weiter. 

Diejenigen, die unter traumabedingten Störungen leiden, haben es aber oft schwer, wieder gesund zu werden. Für Medienschaffende in der MENA-Region, die über Jahrzehnte hinweg Zeugen von Instabilität und Umbrüchen waren, ist die Herausforderung besonders groß. 

Bei meiner Arbeit stelle ich fest, dass der Krieg in Gaza beispielsweise Auswirkungen auf Journalistinnen und Journalisten im Jemen hat,” berichtet Nasser. Es handelt sich um eine Form der Retraumatisierung, denn es erinnert sie an das, was sie vor fünf, sechs oder sieben Jahren durchgemacht haben. Ihr Gehirn versetzt sie also an den Ort und in die Zeit, als sie selbst die Bomben auf ihre Stadt niedergehen hörten.

Eine Luftaufnahme zeigt die zerstörten Silos im Hafen Beiruts nach der schweren Explosion am 4. August 2020
Ereignisse wie die Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020 können Menschen, die Ereignisse wie den Bürgerkrieg im Libanon erlebt haben, erneut traumatisieren. Bild: Marwan Naamani/dpa/picture alliance

Trauma kann körperliche Reaktionen auslösen 

Viele Medienschaffende verstehen zunächst nicht, wie sich traumatische Ereignisse auf sie auswirken. Sheila Mysorekar, Senior Consultant bei der DW Akademie, hat Schulungen für Journalistinnen und Journalisten durchgeführt, die in schwierigen Situationen leben und arbeiten, wie etwa während der Bürgerkriege im Südsudan oder in Libyen. 

Als sie ein Training der DW Akademie in Tunesien für libysche Medienschaffende durchführte, bemerkte Mysorekar, dass viele junge Teilnehmende, meist Anfang zwanzig, miteinander konkurrierten. Sie verglichen, wer näher an den Kämpfen dran gewesen und wer Risiken eingegangen war, die die meisten ihrer älteren Kollegen gescheut hätten. 

Erst als die jungen Journalistinnen und Journalisten einen Moment Abstand von der Intensität ihrer Arbeit hatten, machten sich die Auswirkungen des Traumas bemerkbar. 

In Tunesien war jeden Tag jemand krank,” erinnert sich Mysorekar. Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Fahrten ins Krankenhaus.

Die Medienschaffenden erlebten eine verzögerte Reaktion auf den immensen Stress, dem sie während ihrer Arbeit ausgesetzt gewesen waren. Erst als sie an einem sicheren Ort waren, zeigten sich die Auswirkungen,” so Mysorekar. 

Für sie ist dies ein Beleg dafür, dass die Beschäftigung mit psychologischer Belastung nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf organisatorischer Ebene stattfinden muss. 

Medienhäuser denken an kugelsichere Westen. Sie müssen aber auch an die psychosoziale Stabilität ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter denken,” sagt sie. 

Ein Ziel der Traumabewältigung: Kontrolle zurückgewinnen

Wenn Medienschaffende oder Medienhäuser erkennen, dass sie psychologische Hilfe benötigen, bietet Khaled Nasser ihnen sowohl individuelle als auch teamorientierte Unterstützung. 

Für Menschen, die unter traumatischen Störungen leiden, sei es wichtig, ein Gefühl der Stabilität zu entwickeln und einen Weg zu finden, selbst etwas zu tun. 

Ich helfe Betroffenen dabei, zwei Dinge aufzubauen. Erstens, ein Gefühl der Kontrolle und zweitens, ein Gefühl für sich selbst,” sagt Nasser. 

Die Intensität und das Tempo der journalistischen Arbeit erschweren jedoch, ein Gefühl der Kontrolle über das eigene Umfeld zu entwickeln. Stattdessen arbeitet er mit den Medienschaffenden daran, ein gesundes Verhältnis zu ihrer Arbeit aufzubauen, unabhängig davon, ob sie als Korrespondentinnen und Korrespondenten vor Ort oder am Schnittplatz arbeiten. 

Sein Ziel ist, dass Betroffene einen Sinn in ihrer journalistischen Arbeit sehen. Viele verstehen ihre Arbeit als ein Mittel, um gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken, und sie sehen sich selbst teils als Aktivistinnen und Aktivisten. 

Es geht nicht darum, bedrohliche Situationen zu vermeiden, sondern darum, Fähigkeiten zu entwickeln, um mit ihnen umzugehen, erklärt Nasser. Medienschaffende wissen oft nicht, wie stark sie sind.

Auf praktischer Ebene ermutigt er sie zu gesunden Routinen, wobei er sich auf Gewohnheiten konzentriert, die in der Kontrolle der Journalistinnen und Journalisten liegen, wie zum Beispiel eine gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, Sport und Gleichgesinnte, an die sie sich wenden können. 

Verinnerlichung von Trauma 

Das Durchleben von Traumata, vor allem über einen längeren Zeitraum hinweg, kann die Wahrscheinlichkeit für andere Probleme wie Depressionen, Angstzustände oder Drogenmissbrauch erhöhen. Es kann auch zu einem Burnout führen, was wiederum dazu führt, dass Medienschaffende ihre Arbeit als wertlos empfinden. Dies ist oft besonders schwierig für Journalistinnen und Journalisten, die sich stark mit ihrer Arbeit identifizieren. Oftmals hören Betroffene auf zu schreiben und zu produzieren, so Nasser. 

Geschichten über Menschen zu verfassen, die sich für positive Veränderungen einsetzen, kann helfen das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit zu überwinden – als Gegengewicht zu Berichten über jene, die keine Handlungsmöglichkeiten haben und Opfer ihrer Umstände sind, auf die sie keinen Einfluss haben. 

Wir identifizieren uns immer mit den Protagonisten,” sagt Nasser. Wenn man eine Figur in einem Film leiden sieht, fühlt man mit ihr. Wenn der Held gewinnt, fühlt es sich so an, als würde man selbst gewinnen. Das passiert auch in der Berichterstattung.

Portraitfoto des überlebenden Jamal Bayrakdar, ein Bewohner von Darayya, vor den Trümmern der Stadt
Es ist schwierig, verantwortungsvoll über Geschichten wie das Massaker in Darayya, Syrien, zu berichten. Bild: DW

Das Wissen über Trauma im Journalismus 

Journalistinnen und Journalisten haben regelmäßig direkt mit Traumata zu tun und sind manchmal die erste Anlaufstelle für Menschen, die ein Trauma erlebt haben oder gerade erleben. Dies bringt Medienschaffende in vielerlei Hinsicht in eine einzigartige und schwierige Lage. 

Für diejenigen, die in einem solchen Umfeld recherchieren, reicht es nicht aus, nur die Fakten zu sammeln. Sie müssen gleichzeitig auf die möglicherweise fragile Psyche ihrer Interviewpartnerinnen und -partner achten. 

Die Art und Weise, wie Medienschaffende mit den Menschen umgehen, über die sie berichten, wird zunehmend kritisch begleitet. Um mehr über bewährte journalistische Praktiken in solchen Situationen und weitere Informationen zu erhalten, lesen Sie diesen Gastbeitrag von Khaled Nasser (auf Englisch) oder besuchen Sie die Website des Dart Center