Neue Wege der Teilhabe: Medienkompetenz in Kambodscha

Wie können wir Kambodschas Jugendliche gegen die wachsenden Bedrohungen durch Desinformation, Hassrede und Online-Betrug stärken? Zu dieser Frage versammelten sich mehr als 60 Expertinnen und Experten für Medienkompetenz aus Zivilgesellschaft, Medien, Wirtschaft und Regierung in Phnom Penh. Besonders im Fokus stand die Inklusion ländlicher und indigener Gemeinden sowie der LGBTQ+-Community.
Wachsende Herausforderungen in Kambodschas digitaler Landschaft
Denn die Herausforderungen im Land sind real: Des- und Misinformation fluten täglich die sozialen Medien. Besonders der Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha hat zu einer deutlichen Zunahme von Falschinformationen geführt. Verlässliche Informationen zu finden sowie Fakten von Fiktion zu unterscheiden, wird dadurch immer schwieriger.

Besonders bedroht sind indigene Gemeinschaften und Menschen auf dem Land, die oft nur begrenzten digitalen Zugang und geringe digitale Kompetenzen aufgrund fehlender Ausbildungsmöglichkeiten haben. Das macht sie anfälliger für Online-Betrug, der mit schnellem Geld winkt und damit auf ihre prekäre wirtschaftliche Situation abzielt. LGBTQ+-Jugendliche sind vor allem Zielscheibe von Hassrede, die sich gegen ihre Identität richtet. Alle diese Gruppen sind zudem von Desinformation betroffen, die bestehende Unsicherheiten verstärkt. Hier setzt Medienkompetenz (Englisch: Media and Information Literacy, kurz MIL) an. Die Fähigkeit, Informationen kritisch zu hinterfragen, Desinformation zu erkennen, sich sicher online zu bewegen – das kann den Unterschied machen zwischen Ohnmacht und souveräner Teilhabe.
Das MIL-Netzwerk: Ein Raum für kollektives Handeln
Die Verbesserung von Medienkompetenz in Kambodscha kann jedoch nicht isoliert gelingen. Es braucht den Dialog zwischen Zivilgesellschaft, Medien, Politik und Wirtschaft. Und genau das ermöglicht das MIL-Netzwerk, das die DW Akademie gemeinsam mit Partnern und wichtigen Stakeholdern in Kambodscha aufgebaut hat. Hier tauschen sich Praktikerinnen und Praktiker über Herausforderungen aus, teilen Lösungsansätze und lernen voneinander.
Aber wie erreicht man diejenigen, die am meisten Schutz brauchen? Diese Frage stand im Zentrum der diesjährigen MIL-Netzwerkkonferenz in Phnom Penh. Über einen Tag lang diskutierten, präsentierten und experimentierten die Teilnehmenden. Zehn Erkenntnisse zeigen, was funktioniert und welche Praxisansätze daraus abzuleiten sind:
1. Digitale Innovationen für alle zugänglich machen
Um Medienkompetenz an alle Gesellschaftsschichten zu vermitteln, sind frei zugängliche digitale Innovationen notwendig. Das Department of Digital Transformation (DDT) des kambodschanischen Bildungsministerium (MoEYS) hat mit Unterstützung der DW Akademie dafür eine MIL-App entwickelt. Sie umfasst in verschiedenen Modulen zentrale Themen – von Desinformation bis zu künstlicher Intelligenz (KI). Nach jedem Modul beantworten Nutzende Quiz-Fragen zu Themen wie Hassrede oder Datensicherheit, und mit einer Drag-and-Drop-Funktion müssen sie Begriffe und Definitionen präzise zuordnen. Wer alle Module abschließt, erhält ein Zertifikat. Der Praxistest im Rahmen der Konferenz zeigte: Die spielerische Herangehensweise motiviert und fördert intuitives Lernen.
Das Tool ist bewusst niedrigschwellig konzipiert: kostenlos, frei zugänglich, interaktiv und einfach verständlich. Wer ein Smartphone hat, kann seine Medienkompetenz selbstständig verbessern – egal ob in Phnom Penh oder in einem abgelegenen Dorf in Mondulkiri.
Empfehlung: Digitale MIL-Tools sind im besten Falle kostenlos, frei zugänglich und für niedrige Bandbreiten optimiert sowie auf das Mediennutzungsverhalten der Zielgruppen abgestimmt – nur so erreichen sie auch entlegene Gemeinschaften.
2. Integration von MIL in formale Bildungssysteme
Um nachhaltige Wirkung zu generieren, integriert das Bildungsministerium die MIL-App und weitere Tools in die Lehrerausbildung an regionalen und ländlichen Fortbildungszentren. So kommen zukünftige Lehrkräfte bereits mit MIL-Kompetenzen ausgestattet in die Klassenzimmer – ein systematischer Ansatz, der sicherstellt, dass Medienkompetenz fest im formalen Bildungssystem etabliert wird.
Empfehlung: Für langfristige Wirkung sollte MIL – wo möglich – ins formelle Bildungssystem integriert werden. Das erfordert Zusammenarbeit mit öffentlichen Behörden und Institutionen.
3. Sichere Räume für Dialog und Peer-Learning für Studierende schaffen
Wo Studierende sich frei äußern können, entsteht gegenseitiges Lernen. Das machten Trainerinnen und Trainer der MIL-Clubs aus Phnom Penh und Siem Reap auf der Konferenz deutlich: Studierende treffen sich wöchentlich, um über Medienherausforderungen zu diskutieren, Informationen zu verifizieren, eigene Medienprodukte zu erstellen und zu lernen, sich in den öffentlichen Diskurs einzubringen.
Das Cambodian Center for Independent Media (CCIM) betreibt diese MIL-Clubs mit Unterstützung der DW Akademie. Die wöchentlichen Kurse wurden auf mehrere Universitäten in beiden Regionen erweitert; um LGBTQ+-Community-Mitglieder und Studierende aus ländlichen Regionen zu erreichen, arbeitet CCIM mit lokalen NGOs und Jugendnetzwerken zusammen.
Empfehlung: Regelmäßige, inklusive Formate schaffen Vertrauen und ermöglichen marginalisierte Stimmen, sich in einem sicheren Raum frei zu äußern.

4. Peer-to-Peer-Ansätze für indigene Gemeinschaften nutzen
Wer die eigene Community versteht, erreicht sie am besten. Das zeigte sich, als die Khmer Youth Association (KYA) auf der Konferenz ihren Peer-to-Peer-Ansatz präsentierte: In Ratanakiri und Stung Treng bilden sie gemeinsam mit der DW Akademie indigene Jugendleiterinnen und -leiter als MIL-Multiplikatorinnen und -Multiplikatoren aus, die ihre MIL-Kompetenzen dann an die eigenen Gemeinden weitergeben. Neben MIL-Skills fehlt es den indigenen Jugendlichen häufig auch an Kommunikationskanälen, um soziale und kulturelle Probleme zu adressieren. Sie wollen nicht nur verstehen, wie Desinformation und Online-Betrug funktionieren, sondern wollen auch lernen, ihre eigenen Medieninhalte zu entwickeln, um sich auszudrücken und wichtige Themen selbst zu adressieren.
Empfehlung: Peer-geführte Trainings durch Mitglieder der eigenen Community sind effektiver als durch externe Expertinnen und Experten, da sie kulturelle Kontexte verstehen und Vertrauen genießen. Erfolgreiche MIL-Bildung befähigt nicht nur zur Erkennung von Desinformation, sondern auch dazu, eigene Themen zu setzen und sich öffentlich zu äußern.

5. Theater als interaktives Bildungsformat
Hügelige Landschaften, traditionelle Kostüme: Auf der Bühne in Phnomh Penh spielten indigene Jugendliche aus Ratanakiri ein interaktives Theaterstück nach, das typische MIL-Herausforderungen in indigenen Gemeinschaften darstellte. Theater macht MIL lebendig, das merkte man auch im Konferenzraum. Statt trockener Theorie: Humor und Storytelling. Theater ist ein Format, das in den Provinzen im Rahmen von Jugendaustauschforen umgesetzt wird. Es macht abstrakte digitale Bedrohungen greifbarer und bietet einen Ausgangspunkt, um wichtige Themen auch mit lokalen Entscheidungsträgern zu diskutieren.
Empfehlung: MIL-Bildung muss kulturell angepasst werden – denn was in urbanen Zentren funktioniert, kann in indigenen Gemeinschaften scheitern. Theater, Musik und Storytelling sind wirksame Formate, um junge Menschen zu erreichen.
6. Vertrauen durch starke Partnerschaften aufbauen
Der Konsens bei allen Konferenz-Diskussionen: Arbeit mit marginalisierten Gemeinschaften erfordert sektorübergreifende Zusammenarbeit. Die Gründe liegen auf der Hand: während Regierungsakteure Zugriff auf das formelle Bildungssystem haben, verfügen zivilgesellschaftliche Organisationen über etablierte Zugänge zu schwer erreichbaren Zielgruppen. Medienorganisationen bringen hingegen Expertise zu Desinformation ein. Erst die Kombination dieser komplementären Stärken ermöglicht es, MIL-Kompetenzlücken nachhaltig zu schließen. Fragmentierte Einzelansätze erreichen diese systemische Wirkung nicht.
Empfehlung: Arbeit mit marginalisierten Gemeinschaften erfordert Zeit und den Aufbau echter Partnerschaften mit lokalen Organisationen und Partnern aus allen Sektoren.

7. Lokalisierte Inhalte auf Bedarfe zuschneiden
Die Bedrohungen in sozialen Medien sind vielfältig. Deshalb braucht es auch vielfältige Lösungen. In verschiedenen Formaten auf der Konferenz zeigt sich: LGBTQ+-Jugendliche berichten vor allem von Hassrede und indigene Gemeinschaften von digitalen Betrugsmaschen. Jede Gruppe steht vor spezifischen Herausforderungen. Ausmaß, Form und Inhalte der Bedrohungen unterscheiden sich je nach Community.
Was bedeutet das für die MIL-Trainings? Die Konferenzteilnehmenden zogen den Schluss: Trainings müssen genau diese Realität abbilden. Statt generischer Programme braucht es maßgeschneiderte Inhalte und praxisorientierte Workshops, die auf die jeweiligen Vulnerabilitäten zugeschnitten sind.
Empfehlung: Ein One-size-fits-all-Ansatz funktioniert im Bereich Medienkompetenz nicht. MIL-Trainings müssen die spezifischen Bedrohungen adressieren, denen verschiedene Gruppen tatsächlich ausgesetzt sind.
8. Key Opinion Leaders als Brückenbauer einsetzen
Jugendliche und junge Erwachsene in Kambodscha verbringen viel Zeit in sozialen Medien. Um sie dort zu erreichen, setzt die DW Akademie deshalb mit Unterstützung von 606Digital auf Key Opinion Leaders (KOLs) – Influencer und Content Creators. Sie verbreiten MIL-Botschaften authentisch über die Plattformen, die junge Menschen bereits nutzen. Auf der Konferenz präsentierten mehrere KOLs ihre erfolgreichsten MIL-Kampagnen und teilten ihre Erfahrung: Was funktioniert bei jugendlichen Zielgruppen? Wie spricht man LGBTQ+-Gemeinschaften an? Die Beispiele machten deutlich, dass Influencer als Brückenbauer fungieren können – sie erreichen Zielgruppen, die klassische Bildungsformate oft nicht ansprechen.
Empfehlung: Jugendliche müssen dort erreicht werden, wo sie sind: auf sozialen Medien. Influencer können MIL-Botschaften authentisch in ihre Communities tragen.

9. Gamification: Lernen durch Spiel
Lernen funktioniert am besten, wenn es Spaß macht. Deshalb setzt MIL-Bildung zunehmend auf Gamification – spielerische Formate, die kritisches Denken fördern. Auf der Konferenz wurde dieser Ansatz praktisch erprobt: Bei einer MIL-Schnitzeljagd bewegten sich Teams von Station zu Station, entlarvten Deepfake-Videos und analysierten Social-Media-Posts auf ihre Authentizität. Der Wettkampfcharakter sorgt für Adrenalin, das praktische Tun verankert das Gelernte. Gamification macht kritische digitale Kompetenz ansprechend, praktisch und zugänglich – und wird sowohl in den digitalen Tools als auch in den Trainings systematisch eingesetzt.
Empfehlung: Spielerische Formate erhöhen Engagement und Lernerfolg deutlich – besonders bei jungen Zielgruppen. Gamification sollte integraler Bestandteil von MIL-Programmen sein.

10. Aus regionalen Erfahrungen lernen
MIL-Arbeit findet nicht überall unter gleichen Bedingungen statt. Soe Sandar Oo, Projektmanagerin der DW Akademie, berichtete über Myanmar – einem Land mit restriktiven Bedingungen. Die zentrale Frage, der sie nachgeht: Wie stärkt man MIL, wenn die politischen oder gesellschaftlichen Umstände schwierig werden? Welche Ansätze bleiben wirksam, wenn traditionelle Methoden an Grenzen stoßen? MIL-Arbeit muss gerade in herausfordernden Zeiten weitergehen – aber sie muss angepasst, kreativ und resilient sein. Die Diskussion der Konferenzteilnehmenden zeigt: Strategien aus konfliktbetroffenen Kontexten können adaptiert werden.
Die Erkenntnis: Grenzüberschreitender Erfahrungsaustausch ist wertvoll. Strategien aus anderen konfliktbetroffenen Kontexten können adaptiert werden, um lokale Herausforderungen zu bewältigen und regionale Resilienz aufzubauen.
Die Konferenz fand im Rahmen des Projekts "Digital Resilience and Dialogue" statt, das von der DW Akademie durchgeführt und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert wird. Ziel ist es, junge Menschen in Asien – insbesondere Frauen – durch Medienkompetenz widerstandsfähiger gegen Desinformation und Hassrede zu machen und digitale Räume für konstruktiven Dialog zu nutzen.
Autorin: Deborah Urban, Project Manager Asia and Europe, DW Akademie


