Medienkompetenz für Ghanas ländliche Gemeinden

Es ist noch früh am Morgen, als der schwere Laster über sandige Pisten und unebene Straßen ruckelt. Ziel ist der Dorfplatz in einer abgelegenen Gemeinde im ländlichen Ghana. Viele der Dorfbewohner haben sich hier bereits versammelt, einige von ihnen warten seit über einer Stunde. Bauern haben ihre Arbeit umorganisiert und Familien ihre Morgenroutine schneller erledigt, um heute dabei sein zu können. Schon bald sind die ordentlich aufgestellten Reihen aus Plastikstühlen mit jungen und alten Menschen gefüllt – und die ersten beginnen, eigene Stühle aus ihren Häusern zu tragen.
Was auf den ersten Blick aussieht wie die Vorbereitung für ein Konzert oder eine Wahlkampfveranstaltung, ist einer von insgesamt dreizehn interaktiven Workshops der MIL Caravan of Hope (Englisch für “Karawane der Hoffnung”). Das Ziel: gemeinsam über kritische Medienkompetenz diskutieren und den Menschen Strategien an die Hand zu geben, wie sie sich und ihre Familien künftig vor Falschinformationen schützen können.
Lokale Zusammenarbeit schafft Vertrauen
"Das Projekt ‚MIL Caravan of Hope‘ baut auf unseren Recherchen in Ghanas ländlichen Gemeinden auf: Die Menschen hier sind unterschiedlichen Formen von Desinformation ausgesetzt, besonders durch Mund-Propaganda, Messenger-Dienste und auch lokale Medien", erklärt Rebecca Avusu, Project Associate für Penplusbytes, einer Partnerorganisation der DW Akademie in Ghana. "Doch was ihnen oft fehlt, sind praktische Fähigkeiten, um sich kritisch mit Informationen auseinanderzusetzen und diese zu prüfen, bevor sie weiterverbreitet werden."

Die Probleme sind dabei ähnlich, ob in Europa, Ghanas urbanen Zentren oder hier, in den ländlichen Gemeinden in fünf von Ghanas insgesamt 16 Regionen.
"Die meisten Menschen wissen, dass Gerüchte und Falschinformationen problematisch sind", sagte Avusu, "aber die wenigsten kennen einfache Strategien, die alle nutzen können, um die Verbreitung von Falschinformationen zu stoppen."
Diese Strategien und praktischen Werkzeuge werden bei den Veranstaltungen der MIL Caravan of Hope vorgestellt. Der Laster hält in fünf Distrikten – Shai Osudoku, Afram Plains South, Ho West, Jasikan und Tolon – besucht dreizehn Gemeinden und erreicht so rund 3.000 Menschen.
Für das Projekt arbeiten die DW Akademie und ihr Partner Penplusbytes eng mit lokalen Führungskräften und Dorfältesten zusammen. Diese haben Bedarfe festgestellt und Orte ausgewählt, in denen der Lastwagen anhält. Außerdem wurden einige zu Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet, die die Materialien präsentieren und die Diskussion leiten.

"Die Gemeindemitglieder vertrauen ihnen“, erklärt Osman Abubakari-Sadiq, Projektmanager der DW Akademie. "Die Materialien werden am besten von Menschen vorgestellt, die den kulturellen Kontext kennen und auch die lokalen Sprachen sprechen."
"Innehalten, nachdenken, verifizieren"
Nachdem alles Equipment, die Leinwand, der Videoprojektor und die Soundanlage aufgebaut sind, beginnt das Programm. Rund zwei Stunden lang geht die Gemeinde auf eine gemeinsame Reise und lernt dabei unterschiedliche Formen von Mis- und Desinformation kennen. Das Material basiert auf persönlichen Erfahrungen und nutzt Alltagsbeispiele.
"Viele Menschen hier haben schonmal einen Anruf erhalten und jemand sagte ihnen, ein Familienmitglied sei verunglückt, befinde sich im Krankenhaus und benötige Geld", beschreibt Avusu. "Natürlich möchte man in so einem Fall sofort helfen. Aber wir ermutigen die Leute, erst einmal innezuhalten, nachzudenken und die Information abzuklären, am besten direkt bei einer Person oder Anlaufstelle, der sie vertrauen."

Um die Themen spannend aufzubereiten, nutzt die Roadshow verschiedene Formate wie Theater, animierte Videos, Sketche, Bilderbücher und moderierte Diskussionen.
"Das Projekt wurde für Menschen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz entwickelt, die nicht auf technische Werkzeuge wie Google Lens zugreifen können, um Informationen zu verifizieren", erläutert Avusu. "Sie bekommen ihre Information häufig durch Erzählungen von anderen. Wir ermutigen sie, zum Gemeindevorstand oder zum Social Welfare Department zu gehen und dort zu überprüfen, ob stimmt, was sie gehört haben."
Der kleine Truck fährt von Ort zu Ort und bringt die informativen und unterhaltsamen Formate zu den Menschen – in lokalen Sprachen, barrierarm und inklusiv. Im Gespräch mit verschiedenen Altersgruppen habe sie dabei selbst etwas Wichtiges erkannt, erklärt Avusu; "Unsere Rolle ist es nicht, den Leuten neue Ideen vorzustellen, sondern vielmehr existierende Instinkte zu stärken und sie zu ermutigen, ihnen zu folgen."

Während der Workshops lernten die Teilnehmenden auch, dass Desinformation kein individuelles Problem ist, sondern ganze Gemeinden betreffen kann.
"In der Gemeinde Kpoeta Ashanti wurde das Gerücht verbreitet, das Geister dort in der Nacht die Häuser heimsuchten“, erklärte Avusu. "Niemand wusste, woher das Gerücht kam, aber alle glaubten ihm. Die ganze Gemeinde befand sich in einem Zustand der Panik und Angst, niemand ging mehr vor die Tür."
Über solche Erfahrungen zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu suchen, ist ein wichtiger Teil der Arbeit, die die MIL Caravan of Hope leistet. Sie hilft den Menschen zu verstehen, dass sie nicht allein sind mit den Problemen – und es trotzdem auf das Handeln jedes Einzelnen von ihnen ankommt.

"Unser Ziel ist es, ihnen zu zeigen: wenn du nach Fakten fragst, dann suchst du nach der Wahrheit", erklärte Abubakari-Sadiq. "Das Projekt soll die Menschen hier darin bestärken, sich als aktive Bürgerinnen und Bürger einer Demokratie zu verstehen. Wir wollen sie darin bestärken, Fragen zu stellen, damit sie Entscheidungen treffen können, die auf Fakten und verifizierten Informationen beruhen."
Eine Roadshow mit Langzeiteffekt
Nach rund zwei Stunden intensiver Diskussion beginnt das Team der MIL Caravan mit dem Abbau - denn die nächste Gemeinde wartet bereits. Doch oft ist der Abschied nicht einfach.
"Die Menschen haben uns überall positiv aufgenommen", beschreibt Abubakari-Sadiq die Erfahrung des Teams, "Viele wollten uns nicht mehr gehen lassen, sie wollten weiter mit uns diskutieren, obwohl ihre Arbeit längst auf sie wartete."

"Wir wurden auch mehrfach von Teilnehmenden aus Nachbargemeinden angesprochen, die extra für die MIL Caravan of Hope angereist waren. Sie wollten unbedingt, dass wir auch in ihre Gemeinden kommen und dort ebenfalls Workshops organisieren", ergänzt Avusu.
Und natürlich ist die Arbeit des Teams vor Ort nicht getan, wenn sich die MIL Caravan auf den Weg in die nächste Gemeinde macht.
"Wir lassen viele der Materialien bei den lokalen Moderatorinnen und Moderatoren, damit sie Teile des Workshops erneut durchführen und die Diskussion weiterführen können. So stellen wir sicher, dass unsere Arbeit weitergeht", erklärt Avusu.
Die erste Roadshow der MIL Caravan of Hope mit Stationen im Zeitraum von Januar bis März 2026 wurde als Pilotprojekt durchgeführt. Wie es danach weitergeht, hängt vor allem von der Finanzierung ab. Doch Avusu ist optimistisch, dass die Reise nicht vorbei ist. Für die nahe Zukunft plant das Team einen Folgebesuch in den Gemeinden, um den langfristigen Effekt der Trainings zu untersuchen. Zudem arbeiten sie bereits an einem Konzept, um die Workshops in weitere Gemeinden der Region zu bringen – damit die Karawane schon bald wieder aufbrechen kann.
Das Projekt “MIL Caravan of Hope” wird umgesetzt von Penplusbytes in Zusammenarbeit mit der DW Akademie, unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die Initiative wird in Partnerschaft mit Ghanas Bezirksversammlungen, dem Information Services Department (ISD), Community-Radios und lokalen, zivilgesellschaftlichen Organisationen umgesetzt, um lokale Einbindung und die Nachhaltigkeit des Projekts sicherzustellen. Die MIL Caravan of Hope wurde ursprünglich im Rahmen des Lokalprojekts "MIL Connections IdeaLab" entwickelt mit dem Ziel, marginalisierte Gruppen wie Geflüchtete und Vertriebene zu erreichen. Der DW Akademie-Partner Penplusbytes nahm daran teil.

