Radio für und über die Amazigh im ländlichen Marokko

Die Amazigh in den ländlichen Gegenden Marokkos ringen mit Bevölkerungsrückgang, Armut und Klimawandel. Ein Community-Radioprojekt der DW Akademie berichtet über ihre Themen und unterstützt Bürgerbeteiligung.

Marokko | Radio Abaraz Projekt | Amazigh Gemeinschaft unterstützt Radioprojekt
Bild: FMAS/Ghassan El Karmouni

Das Atlasgebirge im Osten Marokkos ist voller Widersprüche. Das Land ist eine Halbwüste und wirkt gleichzeitig wie ein Schwamm, der in den Höhenlagen Regenwasser speichert. Die Amazigh fühlen sich mit diesen Bergen verbunden, auch wenn die Armut und damit auch die Wirtschaftsmigration hoch sind. Das Land ist fruchtbar – Walnüsse und Äpfel wachsen hier – und es verfügt über Gold-, Silber- und Kupfervorkommen. Dennoch ist es eine arme Region.  

Als COVID-19 im Jahr 2020 die Welt traf, stand auch der lokale Radiosender Radio Abaraz vor großen Herausforderungen. Die Aufgabe bestand darin, ihre Hörerinnen und Hörer, die Amazigh-Bevölkerung, zu erreichen und über die Pandemie zu informieren. Gleichzeitig blieben aber auch Berichte über den Klimawandel und seine Auswirkungen auf das Leben der Menschen vor Ort wichtig. Denn auch Bodenerosion und sinkende Grundwasserspiegel sind eine ständige Bedrohung für die Region  

Die Community-Reporterinnen und -Reporter von Radio Abaraz hatten sich außerdem zum Ziel gesetzt, ein jüngeres Publikum anzusprechen und dessen Forderungen an Politik und Bildung Gehör zu verschaffen. 

Marokko | Radio Abaraz Projekt | Radiostation Radio Abaraz im Porträt
Radio Abaraz richtet sich an die Amazigh-Bevölkerung im ländlichen Marokko. Als öffentlicher Informationsanbieter spielte der Sender während eines schweren Erdbebens im Jahr 2023 eine wichtige Rolle. Heute sprechen die Beiträge über Bildung und Lokalpolitik Tausende von Hörerinnen und Hörer im gesamten Maghreb an. Bild: Radio Abaraz

Informationen für Bürger  

Das"Forum des Alternatives Maroc" (FMAS)eine Parteiorganisation der DW Akademiebot Hilfe an. FMAS unterstützt Community-Medien, insbesondere jene, die sich an benachteiligte Gruppen wie die Amazigh richten. Die indigenen Gruppen sind in der Maghreb-Region Nordafrikas beheimatet und leben verstreut in teils sehr abgelegenen Dörfern in Marokko, Algerien, Libyen, Tunesien und Mauretanien. Sie sind eine Minderheit in der Region. Die Amazigh-Sprache wird Schätzungen zufolge von bis zu 35 Prozent der marokkanischen Bevölkerung gesprochen. 

Ziel ist, diese eher isolierten Siedlungen hoch oben im Atlasgebirge zu erreichen“, sagte Ghassan Wail Elkarmouni, Vorstandsmitglied von FMAS. „Die Programme sind eine wichtige Ressource für die Bürgerinnen und Bürger dort.“ 

Das Projekt ist exemplarisch für die Arbeit der DW Akademie in Marokko. Das Land rangiert aktuell auf Platz 120 von 180 im weltweiten Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen. Die DW Akademie ist seit 2011 in dem Land aktiv und setzt sich für unabhängige Community-Radios ein, vor allem im ländlichen Raum. Ziel ist, die Relevanz und Sichtbarkeit der Amazigh-Gemeinschaften zu erhöhen und gleichzeitig soziale Themen auf die nationale Agenda zu heben. Die Facebook-Seite des Senders enthält zahlreiche Links zu Podcasts, die sich mit Kultur und Musik sowie der Identität der Amazigh befassen.  

„Die Partnerschaft mit Radio Abaraz und FMAS ist ein echter Gewinn – nicht nur für die Förderung der Amazigh-Sprache, sondern für die gesamte Region und alle, die dort auf verlässliche Informationen angewiesen sind“, sagt Vera Möller-Holtkamp, Programmdirektorin der DW Akademie für Marokko. „Diese Zusammenarbeit passt perfekt zu unsere DNA, sie entspricht dem Kern unserer Arbeit als Medienentwicklungsorganisation.“ 

Ein öffentliches Forum 

Radio Abaraz leistete auch im September 2023 wichtige Hilfe, als ein schweres Erdbeben den Westen Marokkos erschüttertebei dem fast 3.000 Menschen ums Leben kamen. Mehrere abgelegene Dörfer der Amazigh wurden zerstört. Während der gesamten Zeit informierte Radio Abaraz die Einwohnerinnen und Einwohner über Notfallmaßnahmen, Verletzte und Todesfälle.  

Marokko | Radio Abaraz Projekt | Radiostation Radio Abaraz im Porträt
Kamal Ait Ouadil hat seine betriebswirtschaftliche Ausbildung mit seinem Interesse für Animation und Produktion kombiniert und ist nun Manager bei Radio Abaraz. Er schätzt den gemeinnützigen Geist der Organisation. Bild: Radio Abaraz

Es war dieser tatkräftige Gemeinschaftssinn, der Kamal Ait Quadil anzog. Bevor er zu Radio Abaraz in Tilouine, Marokko, kam, wusste er nichts über Journalismus. Sein Abschluss in Wirtschaftswissenschaften hätte ihm eigentlich eine Karriere als Geschäftsführer oder im Vertrieb ermöglicht.  

Aber er interessiert sich für Animation und ist ein sehr kontaktfreudiger Mensch, daher reizte es ihn, mit Publikum zu arbeiten und kreativ in der audiovisuellen Produktion zu arbeiten. Im Jahr 2022 begann er, Talkshows bei dem Sender zu moderieren. Sein Uni-Abschluss sollte sich ebenfalls als nützlich erweisen: Als Manager von Radio Abaraz überwacht Ait Ouadil derzeit die technischen Aspekte der Produktion und die Ausstrahlung des Programms. 

„Wir sind alle ehrenamtliche Community-Reporter“, sagt er, „gerade deshalb sind wir offen, hilfsbereit und begeistert von dem, was wir tun.“

Die beliebteste Sendung von Radio Abaraz ist „Monathara“, was übersetzt „Agora“ bedeutet, also das öffentliche Forum im antiken Griechenland. Der panarabische Debatten-Podcast zieht vor allem ein junges Amazigh-Publikum aus dem Libanon, Tunesien, Jordanien und Marokko an. Die Sendung hält sich aus der großen Politik heraus und behandelt stattdessen Themen des zivilgesellschaftlichen Engagements, wie beispielsweise die Bedeutung von Bildung im Allgemeinen und weiterführende Schule im Besonderen. Im Jahr 2023, dem ersten Jahr seiner Produktion, verzeichnete Monathara bereits eine Million Einzelaufrufe. 

BG | Bergdorf Timahdite in Marokko
Das Amazigh-Dorf Timahdite, Marokko: Die Region hat mit Dürre und Armut zu kämpfen und wurde 2023 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Das Community-Radio Abaraz sendet in der Sprache der Amazigh und widmet sich der öffentlichen Debatte über Politik, Kultur und Klimawandel. Bild: Mosa'ab Elshamy/AP/picture alliance

„Auf diese Weise verschaffen wir den Menschen Gehör“, so Ait Ouadil. „Jeder weiß Authentizität zu schätzen, und wir möchten sowohl nützlich als auch eine Inspirationsquelle sein. 

Radio Abaraz wurde von 2021 bis 2024 von der Europäischen Union im Rahmen des Projekts „I-Media“ finanziert. Von 2023 bis 2025 unterstützte das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) das Radioprogramm im Zuge des Projekts „Förderung der Meinungsfreiheit und Medienvielfalt – Förderung von Community-Medien“.