Moldau: Die mentalen Folgen des Kampfs gegen Desinformation

In der Republik Moldau nimmt die Zahl der Angriffe auf Medienschaffende zu. Ein Projekt der DW Akademie bietet direkte Hilfe.

Moldau Chisinau 2025 | Frau gibt ihre Stimme bei der Parlamentswahl ab
Die russische Desinformation erreichte bei den Wahlen am 28. September in Moldau einen neuen Höhepunkt. Bild: Vadim Ghirda/AP Photo/picture alliance

Im Vorfeld der Parlamentswahl in der Republik Moldau erhielt Mihail Sirkeli täglich rund 380 Anrufe. Die Vermutung liegt nahe, dass er sich auf ein politisches Amt bewarb. Aber nein: Sirkeli ist Journalist für das Medium Nokta.md – und wurde zum Ziel eines koordinierten Cyber-Angriffs.  

"Das war ganz offensichtlich ein Versuch, mich einzuschüchtern", sagte Sirkeli dem Institute for War and Peace Reporting. "Sowohl die russische als auch die lokale Propaganda zur Unterstützung Russlands schüren Hass in einem nie dagewesenen Ausmaß".  

Die vergleichsweise kleine Republik Moldau zwischen Rumänien und der Ukraine mit nur 2,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist auf den ersten Blick nicht das naheliegendste Ziel für eine umfangreiche Desinformationskampagne. Doch als ehemaliger Teil der Sowjetunion an der Grenze zur Ukraine ist das Land schon länger im Fokus russischer Desinformation.

Die Verbreitung von Desinformation und wiederholte Angriffe auf unabhängige Medien hinterlassen auch bei Journalistinnen und Journalisten psychologische Spuren – besonders im Vorfeld der Wahlen, die am 28. September stattfanden. Dabei ging es um nicht weniger als den künftigen politischen Kurs der Republik, und die Entscheidung zwischen pro-russischen und pro-europäischen Parteien.

Eine helfende Hand  

Eigentlich können Journalistinnen und Journalisten in der Republik Moldau vergleichsweise frei arbeiten, die Pressefreiheit ist juristisch abgesichert. 

Doch die Atmosphäre wird zunehmend bedrohlich, das Klima hat sich in den vergangenen drei Jahren verändert. Allein 2024 wurden 66 Angriffe auf Medienschaffende erfasst.  

Um moldawischen Journalistinnen und Journalisten im Umgang mit dem großen Druck zu helfen, haben die DW Akademie und ihr Partner, die Association of Indepedent Press eine Hilfs-Hotline für Medienschaffende eingerichtet. 

Moldau | Doina Ipatii, Psychotherapeutin
Doina Ipatii arbeitete selbst zehn Jahre lang als Journalistin, bevor sie Psychotherapeutin wurde. Bild: Privat

"Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen das Angebot in Anspruch nehmen", erklärte die Psychotherapeutin Doina Ipatii. "Dazu gehören Ängste in Bezug auf die Wahlberichterstattung, Erschöpfung aufgrund der langen Arbeitszeiten aber auch Beleidigungen und Bedrohungen, denen sie bei ihrer Arbeit ausgesetzt sind."

Ein seltenes Angebot für Journalistinnen und Journalisten 

Ipatii, die selbst über ein Jahrzehnt als Journalistin gearbeitet hat, kennt den Druck, unter dem viele stehen. Burnout, erklärte sie, entstehe oft dann, wenn die Medienschaffenden keine Unterstützung erhalten. 

Das Programm begann zuerst mit Trainings, doch Ipatii betonte, dass Einzelgespräche mit den Betroffenen oft effektiver seien. Die Journalistinnen und Journalisten könnten dort offen über ihre Arbeit sprechen. Bisher hat die Hotline über 275 Stunden psychologische Unterstützung für Medienschaffende angeboten. 

"Dies ist eines der wenigen Projekte zu dem Thema, die wir in Moldau haben", sagte Ipatii. "Psychologische Unterstützung für Journalistinnen und Journalisten ist immer noch vergleichsweise neu und entsprechend selten."

Gerade vor den Wahlen stehen viele unter wachsendem gesellschaftlichem Druck. Für Journalistinnen und Journalisten, die dauerhaft Desinformation und Hassrede ausgesetzt sind, ist die Lage ist besonders belastend – eine Situation, die ernstzunehmende psychologische Fatigue auslösen kann. Viele Journalistinnen und Journalisten berichten auch, dass die wiederholten, persönlichen Angriffe Traumata auslösen.  

"Der Umgang mit Trauma hängt von zwei Aspekten ab", erklärte Ipatii. "Das ist Unterstützung im Umgang mit der Situation, und ausreichend Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten." 

Moldau | Doina Ipatii bei Trimedia-Veranstaltung für Journalisten-Helpline
Bei einer TRIMEDIA-Veranstaltung in Moldau erklärt Doina Ipatii (Mitte) die Bedeutung von psychologischer Hilfe für Journalistinnen und Journalisten. Bild: Privat

Obwohl es oft den Journalistinnen und Journalisten selbst überlassen bleibt, ausreichend Zeit in ihrem stressigen Arbeitsalltag zu finden, kann die Hotline zumindest ein offenes Ohr und professionelle Unterstützung anbieten.

Zwischen den Welten 

Der Umgang mit dem Desinformationskrieg in der Republik Moldau ist besonders problematisch für unabhängige, russischsprachige Journalistinnen und Journalisten. Sie stehen in regelmäßigem Kontakt mit der russischsprachigen Minderheitsbevölkerung, die häufig das Hauptziel russischer Desinformation ist. Die Wahl im September hatte dabei einen besonders spaltenden Effekt auf die Bevölkerung, da es einen engen Bezug gab zwischen Muttersprache und politischer Ausrichtung der Wählerinnen und Wähler.    

In Transnistrien, einer autonomen russischsprachigen Region der Republik Moldau, die von Russland und einigen weiteren Ländern als unabhängig eingestuft wird, dürfen Medien nicht frei berichten. In den mehrheitlich russischsprachigen Regionen Gagausien und Teraclia werden Journalistinnen und Journalisten regelmäßig Opfer von Einschüchterungsversuchen und Drohungen durch Behörden und die allgemeine Bevölkerung.  

Auch für die russischsprachigen Journalistinnen und Journalisten, die sich gezielt gegen russische Propaganda stellen, wird die Arbeit zunehmend herausfordernd. Einige berichteten Ipatii, dass sie zum Ziel anti-russischer Angriffe von rumänisch-sprechenden Menschen wurden, die sie beschuldigten, Falschinformation zu verbreiten, während der russischsprachige Teil der Bevölkerung von ihnen erwarte, eine pro-russische Position zu vertreten. "Diese Journalistinnen und Journalisten werden von keiner der Gruppen akzeptiert", erklärte Ipatii.  

Pro-europäische Kräfte auf dem Weg zum Sieg 

Trotz der über 300-Millionen-US-Dollar teuren Desinformationskampagne Russlands und gezielten Versuchen, die Menschen an der Wahlurne zu manipulieren, sicherte sich die pro-europäische Partei in den Wahlen einen klaren Sieg.

In weiten Teilen Europas wurden die Wahlergebnisse mit großer Erleichterung aufgenommen, vor allem für die Medien, die die russische Kampagne und die Versuche der Wahlmanipulation im Vorfeld aufgedeckt hatten. 

Doch aus den gleichen Gründen fürchten unabhängige Journalistinnen und Journalisten jetzt erst recht zur Zielscheibe zu werden. Der Erfolg forderte einen psychologischen Preis für viele Medienschaffende.  

"Für viele Journalistinnen und Journalisten endet der Job früher oder später mit einem Burnout, oder sie entscheiden sich, ihren Beruf aufzugeben" sagte Olena Ponomarenko, Program Director der DW Akademie für die Republik Moldau. "Helpline wurde gegründet, um unabhängigen Journalistinnen und Journalisten und Medienschaffenden Hilfe anzubieten, damit sie ihre wichtige Aufgabe für die Demokratie in Moldau erfüllen können." 

Die "Helpline for Psychological Support" ist Teil des TRIMEDIA-Projekts, das gemeinsam mit der Association of Independent Press (API) und der DW Akademie umgesetzt wird. Es wird finanziert von der Europäischen Union und unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).