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Scheiben des Rammstein-Firmensitzes eingeschlagen

28. Juni 2023

Seit Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen Rammstein-Frontsänger Till Lindemann laut wurden, reißen die Proteste nicht ab. Jetzt haben Unbekannte den Firmensitz der Band ins Visier genommen und eine Botschaft hinterlassen.

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Rammstein-Frontmann Till Lindemann auf der Bühne
Frontmann Till Lindemann ist derzeit sehr umstrittenBild: picture alliance/dpa

Im Vorfeld der ausverkauften Konzerte von Rammstein in Berlin am 15., 16. und 18. Juli ist der Rammstein-Firmensitz in Berlin-Pankow beschädigt worden. Das bestätigt eine Sprecherin der Berliner Polizei gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dpa. Wegen des Aufbringens eines Schriftzugs sei Strafanzeige wegen Sachbeschädigung gestellt worden. Außerdem habe der Staatsschutz Ermittlungen aufgenommen, da ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden könne.

Die Fotos zeigen eingeworfene Fensterscheiben des Hauses in Berlin, es seien drei Löcher, präzisierte die Polizei am Mittwochmorgen (28.6.2023). Die Rammstein GBr besteht nach eigenen Angaben aus den sechs Bandmitgliedern.

Deutschland, Berlin | Sachbeschädigung an Rammstein Büro
Sachbeschädigung am Rammstein BüroBild: Christophe Gateau/dpa/picture alliance

Im Internet hat sich auf "Kontrapolis", einer Webseite, die sich als "Nachrichten und Debatten-Plattform" versteht, unter Pseudonym eine "anonyme Splittergruppe" zu der Tat bekannt: "In der Nacht auf den 26. Juni haben wir den Firmensitz von Rammstein ... angegriffen. Die Frontscheiben wurden eingeschlagen und unter dem hässlichen Rammstein-Logo steht nun >>Keine Bühne für Täter<<."

Bekannt wurde das Bekennerschreiben über einen Tweet der Gruppe "North East Antifa Berlin". Der Polizeisprecher sagte: "Dem müssen wir natürlich nachgehen. Insofern hat der Staatsschutz die Ermittlungen übernommen." Die Gruppe rief im Bekennerschreiben dazu auf, die Konzerte "kreativ zu stören, zu sabotieren und zu verhindern".

Laufendes Ermittlungsverfahren in Berlin

In den vergangenen Wochen hatten mehrere Frauen - teilweise anonym - Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann erhoben. Sie schilderten Situationen, die sie teils als beängstigend empfunden hätten. Junge Frauen seien während Konzerten ausgewählt und gefragt worden, ob sie zur Aftershowparty kommen wollten. Dabei soll es nach Schilderungen einiger Frauen auch zu sexuellen Handlungen gekommen sein. Lindemann hatte Vorwürfe gegen ihn zurückgewiesen. Sein Bandkollege Christoph Schneider wies den Vorwurf von Straftaten ebenfalls zurück, plädierte aber für eine kritische interne Aufarbeitung der Vorwürfe.

Die Staatsanwaltschaft Berlin hat ein Ermittlungsverfahren gegen Till Lindemann eingeleitet.  Bis zum Abschluss der Ermittlungen gilt die Unschuldsvermutung.

Proteste vor den Konzerten

Im Vorfeld der beiden Rammstein-Konzerte in der Schweizer Hauptstadt Bern am 24. Juni hatten etwa 150 Menschen gegen die Auftritte demonstriert. Die Demonstrantinnen und Demonstranten hielten Schilder mit Aufschriften wie "Keine Bühne für Täter" hoch und zeigten wartenden Fans der Band den Mittelfinger. Konzertbesucher buhten die Protestierenden aus, Polizisten trennten die beiden Lager.

Auch in Berlin formiert sich Widerstand: Zwei Petitionen, mittlerweile von rund 100.000 Menschen unterzeichnet, fordern: "Die Rammstein-Konzerte müssen abgesagt werden! Berlin darf nicht zum Ort für sexuellen Missbrauch werden! Wir feiern keine Täter."

Deutschland | Rammstein Konzert in München | Proteste
Proteste vor dem Rammstein-Konzert in MünchenBild: Sven Hoppe/dpa/picture alliance

"Strukturelles Problem in der Konzertszene"

Sänger und Band dementieren die Vorwürfe. Bundesfamilienministerin Lisa Paus nimmt die Anschuldigungen ernst, will aber keine "Vorverurteilung" betreiben. Sie glaubt nicht, dass es sich bei den Vorwürfen gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann um einen Einzelfall handelt. "Ohne Vorverurteilung im konkreten Fall: So wie ich die Diskussion wahrnehme, haben wir ein strukturelles Problem in der Konzertszene, über das nun endlich gesprochen wird", sagte sie der Boulevardzeitung "Bild am Sonntag". Paus sieht es als Aufgabe der Veranstalter an, "gerade junge Fans zu schützen".  

Auch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, äußerte sich zur geforderten Absage: Er halte es "für fragwürdig, ob die geplanten Rammstein-Konzerte in Berlin im vom Land betriebenen Olympiastadion so stattfinden sollten", sagte Felix Klein den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

"Antidemokratische Diskriminierungen wie Antisemitismus, Frauenverachtung und Rassismus gehen oftmals Hand in Hand", so Klein weiter. "Wir sollten die betroffenen Frauen ernst nehmen, genauso wie wir Jüdinnen und Juden ernst nehmen sollten, wenn es um Antisemitismus geht", sagte er außerdem. "Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Grenzen des Sag- und Machbaren immer weiter verschoben werden, auch wenn das unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit geschieht."

Ungleiche Machtverhältnisse

Der 60-jährige Rammstein-Frontmann Till Lindemann hat seine Anwälte hinzugezogen, die Unterlassungsaufforderungen verschickten. "So wurde wiederholt behauptet, Frauen seien bei Konzerten von 'Rammstein' mithilfe von K.O.-Tropfen bzw. Alkohol betäubt worden, um unserem Mandanten zu ermöglichen, sexuelle Handlungen an ihnen vornehmen zu können. Diese Vorwürfe sind ausnahmslos unwahr", ließen sie mitteilen.

Inside Rammstein's 'Row Zero' system: Women speak out

Frauen, die nun Post von Lindemanns Anwälten erhalten, bekommen prominente Unterstützung. Damit die mutmaßlichen Opfer nicht von den Anwaltskosten eingeschüchtert werden, rufen YouTuber Rezo, die Schauspielerin Nora Tschirner oder die Comedian Carolin Kebekus auf Instagram zu Spenden auf. "Damit hier im Ansatz eine Chancengleichheit herrscht", so Nora Tschirner.

Oberstes Ziel: Sicherheit

Der Fall Rammstein deckt nach Ansicht von Bundesinnenministerin Lisa Paus ein grundlegendes Problem auf: "Einige öffentliche Veranstaltungen sind nicht so organisiert, dass Frauen und Mädchen sich wirklich sicher fühlen können." Es gebe "Stars, die ihre Machtposition gegenüber Frauen ganz klar missbrauchen". Dies müsse sich beides ändern, forderte die Ministerin. Auch wenn eine Absage des Konzerts unwahrscheinlich ist - so gab es etwa auch gegen den unter Antisemitismusverdacht stehenden Sänger Roger Waters Petitionen, dennoch ging Waters auf Tournee -, steht zumindest fest, dass es in Berlin keine Aftershowpartys von Rammstein geben wird, wie Berlins Innen- und Sportsenatorin Iris Spranger mitteilte.

Die Kritik kratzt indes nicht am Erfolg der Band Rammstein: In den jüngsten Album-Charts Top 100 ist sie wieder mit sechs ihrer bisher acht Studioalben vertreten, alle konnten deutlich hinzugewinnen.

jhi/so/suc