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Pharao Tutanchamun starb bei einem Verkehrsunfall

23. November 2023

Nach dem plötzlichen Tod des jungen Pharaos fehlte ein passendes Grab und Grabbeigaben. Auch die berühmte Totenmaske und sein Sarkophag waren ursprünglich nicht für Tutanchamun gefertigt. Also wurde improvisiert.

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Tutanchamun jagt im Streitwagen einen Strauss, Relief
Rasante Fahrten und Jagden mit dem Streitwagen gehörten routinemäßig zu den königlichen PflichtenBild: Erich Lessing/akg-images/picture alliance

Zu Lebzeiten war Tutanchamun nur eine weitgehend unbedeutende Figur in der Jahrtausende langen Geschichte Ägyptens. Mit gerade mal 8-10 Jahren bestieg der "Kindkönig" den ägyptischen Thron und mit ungefähr 19 Jahren starb Tutanchamun auch schon.

Wirklich berühmt wurde Tutanchamun erst vor 100 Jahren, als am 4. November 1922 sein Grab entdeckt wurde. Eigentlich ist die Grabkammer viel zu klein für ein typisches Pharaonengrab. Aber der darin gefundene Grabschatz übertraf alles bis dahin Bekannte. Denn sein Grab war das einzige im Tal der Könige, das nicht zuvor von Grabräubern geplündert worden war. Mehr als 5000 intakte Objekte, ein Sensationsfund.

Der Fund gibt uns zumindest eine ungefähre Vorstellung, wie prächtig die leider geplünderten Gräber der wirklich bedeutsamen Pharaonen vermutlich ausgestattet waren. Wie mag wohl das bislang noch nicht entdeckte Grabmahl seiner Stiefmutter Nofretete, der Gemahlin von Pharao Echnaton ausgesehen haben?

Grabbeigaben für Tutanchamun bei einer Ausstellung in München 2015
Grabbeigaben für Tutanchamun geben einen Eindruck von der unglaublichen Pracht anderer Pharaonengräber Bild: Sven Hoppe/dpa/picture alliance

Mythen um Todesursache 

Der früh verstorbene "Kindkönig" Tutanchamun wurde nach seinem Tod nicht verehrt oder besonders erwähnt. Er geriet sehr schnell in Vergessenheit. Aber um die Umstände seines Todes rankten sich seit der Entdeckung seiner Grabstätte viele Mythen. Wie konnte es sein, dass ein Pharao so früh stirbt?

Von Intrigen, einem Jagdunfall, einem Schlangenbiss, einer Malariaerkrankung oder gar von Mord war die Rede. Eine Schädelverletzung soll auf älteren Röntgenaufnahmen zu sehen gewesen sein. Wurde er erschlagen, fiel er in einer Schlacht? Solche Schädelverletzungen konnte eine CT-Untersuchung 2005 nicht bestätigen. Die Skelettuntersuchungen ergaben allerdings, dass er seit seiner frühen Kindheit einen abnormen linken Fuß hatte. Und dieser Klumpfuß könnte ihm später zum Verhängnis geworden sein. 

Seit einigen Jahren ist sich die Wissenschaft weitgehend einig, dass wahrscheinlich ein Wagenunfall für die "charakteristischen Verletzungen auf einer Körperseite" verantwortlich sind. Ein CT-Scan zeigte schwere Schäden am Brustkorb, das Brustbein und ein Teil der vorderen Brustwand fehlten, dazu ein gebrochenes Bein.

Profaner Unfall mit tödlichem Ausgang

Ein Medizinerteam aus Südafrika wollte es genauer wissen und hat die Autopsie-Berichte noch einmal untersucht. Nach ihrer Analyse sprechen zwei erst sehr spät entdeckte Oberschenkelbrüche des linken Beins sowie der Bruch der rechten Kniescheibe und des rechten Unterschenkels sehr deutlich für einen Verkehrsunfall.

Streitwagen aus Tutanchamuns Grab bei einer Ausstellung in Zürich 2020
Mit solchen Streitwagen fuhr die alt-ägyptische Elite in rasanter Fahrt über Stock und Stein Bild: Ennio Leanza/KEYSTONE/picture alliance

Anzeichen einer Knochenheilung gab es nach Angaben des südafrikanischen Medizinerteams nicht. Da Balsamierungsharz an der Bruchstelle des linken Beins gefunden wurde, deutet vieles darauf hin, dass es sich um eine frische Fraktur gehandelt hat, die kurz vor seinem Tod aufgetreten sein muss, so die Mediziner.

Möglicherweise kam es bei dem Sturz zu einem vorderen Brustkorbtrauma mit Rippen- und Brustbeinfrakturen sowie Quetschungen von Herz und Lunge. Während des Mumifizierungsprozesses wurden diese beschädigten Körperteile entfernt. "Offene Frakturen werden in der Regel durch Verletzungen mit hoher Energie verursacht, z. B. durch Autounfälle, Stürze aus großer Höhe oder schwere Sportverletzungen. Die Aufprallgeschwindigkeit bei der Verletzung ist der wichtigste Faktor für den Schweregrad eines komplizierten Bruchs."

Keine Überlebenschancen

Der genaue Unfallhergang bleibt natürlich Spekulation, rasante Fahrten mit dem Streitwagen gehörten aber routinemäßig zu den königlichen Pflichten. Die Mediziner aus Südafrika "vermuten, dass Pharao Tutanchamun aufgrund seines schwachen linken Fußes von seinem Streitwagen fiel." 

Ob der junge Pharao direkt starb, ist unklar. "Ein komplizierter Oberschenkelbruch kann zum plötzlichen Tod durch akuten Blutverlust geführt haben oder eine Infektion des komplizierten Oberschenkelbruchs nach einigen Tagen oder Wochen könnte ebenfalls eine tödliche Komplikation gewesen sein." 

Geben die Grabbeigaben Hinweise? 

Das Grab enthielt eine Reihe von in Einzelteile zerlegte Streitwagen mit abgenutzten Rädern, was laut den Forschenden "darauf hindeutet, dass Tutenchamun oft und gerne mit dem Wagen gefahren sein könnte. Sein Klumpfuß, die zahlreichen Gehstöcke und die Tatsache, dass er im Sitzen mit Pfeil und Bogen abgebildet wurde, sind ebenfalls Hinweise darauf, dass er den Streitwagen gerne als Fortbewegungsmittel nutzte." 

Wenn man sich den filigranen, goldenen Streitwagen mit den großen Öffnungen vorne und den schmalen Reifen anschaut, hat man eine ungefähre Vorstellung, wie gefährlich eine rasante Fahrt damit gewesen sein dürfte. 

Einblicke dank Totenkult

Dass wir heute überhaupt so viel über Tutanchamun und das alte Ägypten wissen, hängt vor allem mit der extremen Jenseitsorientierung der altägyptischen Religion zusammen. Nicht nur Adelige, sondern auch Bauern, Handwerker oder Beamte sahen den Tod nur als ein Durchgangsstadium zu einem neuen und dann ewigen Leben.

Und dafür sollte der Körper durch Mumifizierung möglichst gut erhalten bleiben. Umfangreiche Grabbeigaben sollten dafür sorgen, dass es auch im Jenseits alle notwendigen Annehmlichkeiten gab. Entsprechend wurden schon zu Lebzeiten eine geeignete Grabstätte gebaut und die Grabbeigaben zusammengetragen. 

Schnelle Improvisationen gefragt

Der unerwartet frühe Tod Tutanchamuns stellte die Priesterschaft aber vor große Probleme. Man war schlichtweg unvorbereitet. Das für ihn geplante Grab, das wahrscheinlich unweit von seinem Großvater Amenophis III im westlichen Königstal geplant war, war nicht annähernd fertig. Schnell musste also ein angemessenes Grab gefunden werden.

Möglicherweise fiel so die Wahl auf ein Grab im Haupttal, das ursprünglich für Eje, einen hohen Beamten gedacht war. Unter Pharao Echnaton war Eje II (oder auch Aja, Ay, Aya) vermutlich als Wesir für Tutanchamun zuständig und wurde nach dessen frühem Tod der Nachfolger als Pharao.

Totenmaske uns Sarkophag bei Ausstellung über Tutanchamun
Alles sehr prachtvoll, aber eigentlich nicht für Tutanchamun hergestelltBild: Uwe Anspach/dpa/picture alliance

Selbst die weltberühmte blau-goldene Totenmaske war ursprünglich nicht für Tutanchamun, sondern für eine gewisse Anch-chepru-Re Neferneferuaton gefertigt worden. Wer diese vermutlich königliche Frau war, ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Jedenfalls ist die ursprüngliche sogenannte Namenskartusche auf der prachtvollen Totenmaske und die nachträgliche Namensänderung bei seitlichem Licht noch gut zu erkennen.

Auch Tutanchamuns Sarkophag scheint ursprünglich nicht für ihn bestimmt gewesen zu sein. Auch hier ist eine Umarbeitung nachweisbar. Die Kartuschen wurden wie bei vielen anderen Objekten in seiner Grabkammer nachträglich mit den Namen Tutanchamuns überschrieben.

Prachtvoller Ersatz

Alles musste offenbar schnell, aber trotzdem angemessen vonstattengehen. Das könnte auch erklären, warum das Grab von Tutanchamun (KV62) sich so grundlegend von denen der anderen Grabstätten im Tal der Könige unterscheidet und warum die Grabkammer eigentlich viel zu klein für ein typisches Pharaonengrab war. Und trotzdem sind die Sarkophage, die Totenmaske und die vielen Grabbeigaben bis heute unglaublich faszinierend.

Wäre das Grab nicht eher zufällig vor einhundert Jahren entdeckt worden, so wäre all die Pracht und der vergleichsweise unbedeutende Kindkönig vermutlich vollends in Vergessenheit geraten. 

DW Mitarbeiterportrait | Alexander Freund
Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit@AlexxxFreund