Erinnerung an die gewaltvollen Jahre in Peru

Ein Artikel von Joshua Sprenger.
Der 24. November 1988 beginnt für Hugo Bustíos wie jeder andere Tag. Er frühstückt mit seiner Frau und den vier Kindern. Die Familie redet und lacht. Dann klingelt das Telefon. Seine Frau Margarita geht ran. Als sie auflegt, fragt Hugo: „Was gibt’s?“ Sie schweigt. „Sag es, verdammt noch mal! Was gibt’s?“ „Hugo, der Sendero Luminoso hat Jorge und seinen Sohn Guillermo ermordet.“ Hugo Bustíos ist Fotojournalist für eine renommierte Zeitschrift. Er packt seine Kamera und will das Haus verlassen. Margarita versucht, ihn aufzuhalten – vergeblich.
So beschrieb Margarita Bustíos den letzten Tag mit ihrem Mann vor der peruanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (CVR) im Jahr 2002. „Er verließ das Haus lebendig und kehrte im Sarg zurück.“ Ermordet wurde er vom peruanischen Militär, das die Guerillia-Gruppe Sendero Luminoso („Leuchtender Pfad“) bekämpfte. Es dauerte über 30 Jahre, bis die Hauptverantwortlichen verurteilt wurden. Margarita Bustíos erlebte diese Gerechtigkeit nicht mehr.
Während ihrer Aussage brach Margarita Bustíos mehrmals in Tränen aus. Schließlich bat sie darum, einen Brief von Hugo an ihre damals 14-jährige Tochter Sharmeli vorlesen zu dürfen. Sie zitierte: „Schreib, um der Welt mitzuteilen, was in unserem Land passiert.“
Der Beginn der Gewalt
Heute ist Sharmeli 50 Jahre alt und steht Mitte November im „Lugar de la Memoria“, dem wichtigsten Museum zur Erinnerung an die politische Gewalt der 1980er- und 1990er-Jahre. Sie ist eine kleine Frau, gekleidet in eine rot-schwarz karierte Bluse und eine weite schwarze Hose. Manche der 13- bis 14-jährigen Schülerinnen und Schüler, die vor ihr stehen, überragen sie schon. „Ich komme aus der Provinz Huanta in der Region Ayacucho – dort begann die Gewalt im Jahr 1980“, erklärt Sharmeli den Schülern.

Gegründet wurde der SL bereits elf Jahre zuvor von Abimael Guzmán, einem Philosophieprofessor, der sich als Nachfolger von Mao Zedong und Wladimir Iljitsch Lenin sah und Peru als einen halbkolonialen und feudalen Staat. Dass der SL sich ausgerechnet in Ayacucho gründete, war kein Zufall. „Unsere Region wurde von der Regierung in Lima schon immer vergessen“, sagt Adelina García, Vizepräsidentin der Nichtregierungsorganisation Anfasep, die von Angehörigen ermordeter oder entführter Menschen während des Konflikts gegründet wurde.
Die Terrorherrschaft des Sendero Luminoso
Die soziale Ungleichheit war und ist in Ayacucho besonders stark. „Und dann kam Guzmán und sprach von Gleichheit wie in Kuba, wo es weder Reiche noch Arme gibt. Viele haben ihm das geglaubt, weil sie sich eine bessere Zukunft erhofften“, erklärt García. Die schlechte Schulbildung, viele Menschen konnten weder schreiben noch lesen, tat ihr Übriges. „Sie konnten nicht einschätzen, was wirklich auf sie zukommen würde.“
Was die Terrorherrschaft des SL wirklich bedeutete, hat die damals 14-jährige Sharmeli Bustíos erlebt. „Eine der Methoden des SL waren sogenannte ‚Eselbomben‘. Sie versteckten Sprengsätze in Säcken, die von Eseln getragen wurden und ließen sie auf Märkten explodieren. Wir konnten nicht mehr ohne Angst auf den Markt“, schildert sie ihre Erfahrungen den Schülerinnen und Schülern, die jetzt so alt sind, wie sie es damals war.
Erinnerung im "Lugar de la Memoria"
Dann führt Sharmeli die Gruppe in den nächsten Raum des Museums. Dort sind zahlreiche Monitore aufgestellt, auf denen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihre Erlebnisse sprechen. In den Händen hält Sharmeli eine kleine Schwarz-Weiß-Fotografie ihres Vaters in einem Holzrahmen. Hugo Bustíos schaut direkt in die Kamera. „Das Militär hat meinem Vater immer wieder vorgeworfen, ein SL-Terrorist zu sein, weil er auch ihre Verbrechen dokumentiert hat. Mein Vater hatte nichts mit dem SL zu tun“, betont Sharmeli.

Gabriel Bolívar neben Sharmeli. Er ist Bildungskoordinator des Museums. „Es gibt Menschen, die nicht wissen oder nicht glauben wollen, was passiert ist. Was denkt ihr darüber?“ Schweigen. Schließlich hebt sich zögerlich ein Arm in der letzten Reihe. „Ich finde, es ist wichtig, dass wir uns erinnern.“ Das gemeinsame Erinnern ist die Kernaufgabe des Lugar de la Memoria. „Unsere Nation braucht einen Raum, um sich an diese zwei Jahrzehnte der Gewalt zu erinnern“, erklärt Bolivar.
Der Kampf um die Deutungshoheit
„Auf nationaler Ebene existiert kein organisiertes Erinnern“, konstatiert auch Mariella Villasante Cervello über den Zustand der Erinnerungskultur. Die Anthropologin hat viel zur Gewalt des SL im peruanischen Regenwald geforscht.
Was das Erinnern schwierig macht, ist das komplexe Gewaltpanorama. „Man muss begreifen, dass kein lateinamerikanisches Land einen internen Krieg hatte wie wir. Mit dem ehemaligen Präsident Alberto Fujimori hatten wir in den 90er-Jahren zusätzlich eine Diktatur, aber es war vor allem ein Bürgerkrieg“, erklärt Villasante. Peru sei das einzige Land gewesen, in dem eine bewaffnete Gruppe die Macht übernehmen wollte.
„Und wie reagierte die damalige Regierung auf diese Bedrohung? Sie beschuldigte einfach alle, Kommunisten zu sein, und begann, sie umzubringen“, so Villasante. In Zahlen bedeutet das: Staatliche Kräfte wie Polizei und Armee, Selbstverteidigungskomitees und paramilitärische Gruppen waren für 37 Prozent der Todesopfer verantwortlich. Der SL tötete 54 Prozent der Opfer. So steht es im offiziellen Abschlussbericht der staatlichen Wahrheitskommission. Die Frage, was genau von 1980 bis 2000 passiert ist, ist jedoch trotz der Arbeit der Wahrheitskommission alles andere als gesellschaftlicher Konsens. Vor allem rechtskonservativen Kreisen, die dem Militär nahestehen, ist die Erinnerungsarbeit, die das Museum leistet, ein Dorn im Auge, weil dort auch die Gewalt des Militärs thematisiert wird. Ein Beispiel dafür ist die vorübergehende Schließung im März 2023. Die Stadtverwaltung von Miraflores, dem Bezirk, in dem das Museum liegt, begründete die Maßnahme mit Sicherheitsmängeln. Auffällig dabei: Zwölf von 13 Museen in Lima, die dem Kulturministerium unterstehen, verfügen ebenfalls nicht über das geforderte Sicherheitszertifikat. Kritiker werfen dem rechtskonservativen Bürgermeister von Miraflores, Carlos Canales, vor, das Museum aus ideologischen Gründen schließen zu wollen.
Im Museum ist die Schülergruppe mit Sharmeli mittlerweile auf dem Dach angekommen. Für das Ende der Führung fischt Sharmeli ein kleines schwarzes Heftchen aus ihrer Tasche. Während sie beginnt zu lesen, fängt sie leise an zu weinen. „Ich irre mich nicht, wenn ich die Rechte derjenigen verteidige, die niemanden haben, an den sie sich wenden können. (...) Sie denken, dass ich Ideologien verteidige, (…) sie denken, dass das Verteidigen der Misshandelten und Verlassenen bedeutet, die zu verteidigen, die den falschen Weg eingeschlagen haben (…) Ich glaube, sie werden niemals verstehen, dass man mit Waffen niemals den Frieden erreicht.“ Es ist der Brief ihres Vaters, den schon ihre Mutter vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission zitiert hatte. Worte, die sie nun einer neuen Generation mit auf den Weg gibt.
Über den Autor

Joshua Sprenger absolvierte von September 2024 bis Februar 2025 einen kulturweit-Freiwilligendienst bei dem peruanischen Partner der DW Akademie, Servindi. Sprenger hat Politikwissenschaften und Öffentliches Recht in Heidelberg studiert und absolviert eine studienbegleitende Journalismusausbildung am ifp in München.
Während seiner Einsatzzeit bei Servindi hat er sich viel mit dem Thema Erinnerungskultur auseinandergesetzt. Servindi ist eine Nachrichtenagentur mit Sitz in Lima (Peru) und einem Fokus auf indigene Bevölkerung, Menschenrechte und Umweltthemen.