„Journalisten tragen eine Mitschuld an der Vertrauenskrise“

Der senegalesische Journalist und Mediengründer Hamadou Tidiane Sy spricht im Interview über Vertrauen in Journalismus, und wie es zurückgewonnen werden kann.

DW Akademie | Hamadou Tidiane Sy
Bild: WAMECA

Der Journalist und Medienmanager Hamadou Tidiane Sy aus dem Senegal ist Gründer der Medienschule E-jicom und des preisgekrönten Online-Mediums Ouestaf News. Es ist spezialisiert auf investigative Berichterstattung und war unter anderem an den Recherchen für die Panama Papers beteiligt.

DW Akademie: Gab es seit der Gründung von Ouestaf News jemals einen Moment, in dem Sie dachten, die Leute würden Ihnen nicht vertrauen?  

Hamadou Tidiane Sy: Ich glaube nicht, dass wir jemals Probleme mit Misstrauen hatten. Es gab seltene Gelegenheiten, bei denen jemand, der in einem Artikel zitiert wurde, versuchte, diesen abzutun und uns bat, ihn zurückzuziehen. In dem einen Fall sagten wir: “OK, wenn es mehr Fakten gibt, bitte. Und wenn Sie nicht zufrieden sind, ziehen Sie vor Gericht.” Und damit war es erledigt. Ein anderes Mal war es ein großes multinationales Unternehmen, dem zwar klar war, dass unsere Geschichte stimmte, sie aber gelöscht sehen wollte. Sie vertrauten uns – sie mochten unsere Berichterstattung nur nicht.

Ouestaf News ist auf detaillierte Recherchen spezialisiert. Gab es dafür von Anfang an ein Publikum? 

Nein, es gibt eher ein kleines Nischenpublikum für so etwas. Es handelt sich um Menschen in Entscheidungspositionen, die sachliche Informationen als Grundlage brauchen. Sie wollen sicher sein, dass die Informationen, die sie lesen, korrekt und nicht irreführend sind. Es handelt sich auch um Studierende, die Fakten für ihre Abschlussarbeit suchen, oder Forschende. Es sind zivilgesellschaftliche Organisationen dabei, die Fakten für ihre Lobbyarbeit benötigen und um zu verstehen, was in der Region passiert.  

Es gibt Online-Medien, die Millionen von Menschen erreichen und das liegt daran, dass sie beinahe alles veröffentlichen, fast eine Geschichte pro Minute. Wir bedienen eine Nische von Menschen, die unsere Arbeit wirklich brauchen.

Auf dem From fake to faith-Panel haben Sie gesagt: „Das Publikum kann irreführend sein“ im Sinne von ‚mehr ist nicht immer mehr‘. Je sensationsheischender eine Geschichte sei, desto mehr werde sie Leute anziehen. Folglich könne man Vertrauen nicht an der Größe eines Publikums messen. Wie messen Sie dann Vertrauen? 

Gar nicht. Wir sind mehr an der Wirkung interessiert. Wir machen Journalismus, weil wir etwas bewegen, Meinungen und Entscheidungen positiv beeinflussen wollen. Wir wollen Fortschritt in der Welt sehen.  

Für mich besteht die Aufgabe des Journalismus darin, Bürgerinnen und Bürger und Entscheidungsträgerinnen und -träger so sachlich wie möglich zu informieren. Das kann thematisch alles sein, von Politik bis Gesundheit, von Bildung bis Verkehrssicherheit, vom Klimawandel bis zu Fragen der Armut, Gerechtigkeit und Demokratie.  

Wenn eine Geschichte von einer Million Menschen gelesen wird, heißt das noch lange nicht, dass sich danach etwas ändern wird. Aber eine Geschichte über Korruption in der Regierung kann etwas bewirken; oder ein Faktencheck über die Fehlinformation, dass es tödlich sei, Eier zu essen. 

Damit will ich nicht sagen, dass die Größe des Publikums egal ist. Auch wir müssen mit unseren Geschichten Aufmerksamkeit erregen. Aber eine Geschichte, die im Außenministerium gelesen wird und zu einer Entscheidung führt, kann mehr bewirken als eine, die von einer Million Menschen gelesen wird, weil sie lustig oder sensationell ist. 

Sie haben Fact-Checking erwähnt. Sorgfalt vor der Veröffentlichung ist das eine, aber glauben Sie, dass Faktenchecks von Informationen, die bereits veröffentlicht wurden, funktionieren?  

Ich gebe Fact-Checking-Schulungen und beginne sie immer mit der Behauptung, dass die Fact-Checking als journalistisches Genre entstanden ist, weil Journalistinnen und Journalisten bei ihrer Arbeit versagt haben. Medien verbreiten heute viele ungeprüfte Geschichten. 

Andererseits macht es Technologie heute fast jedem möglich, Inhalte zu veröffentlichen. Deshalb sind wir in der Situation, dass viele Informationen zirkulieren, und die meisten davon ungeprüft. Wir brauchen Fact-Checking also unbedingt. Ich glaube, es ist gut, dass Medienhäuser Fact-Checking-Desks aufbauen, so wie sie auch eine Sportredaktion, eine Politikredaktion und eine Wirtschaftsredaktion haben. 

Auch wenn Sie nicht mithalten können, weil sich Lügen viel schneller verbreiten, als sie entlarvt werden können? 

Es ist unmöglich, jede einzelne Desinformation zu entlarven. Es geht eher darum, die Menschen für die Verbreitung von Falschinformationen zu sensibilisieren: Nicht alles, was du online liest, ist wahr. Nicht alles, was du hörst, ist wahr.‘ Und sie dann mit gutem Journalismus zu versorgen, dem sie folgen können.

Symbolbild Faktencheck fact checking fake news

Als Sie sagten, dass Fact-Checking als Genre entstehen musste, weil der Journalismus versagt habe, dachte ich: ‚Oh, er geht hart mit seinem Berufsstand ins Gericht‘. Immerhin haben Forschende die Umwälzungen durch digitale Medien mit der Erfindung der Gutenbergschen Druckpresse verglichen. Ist das nicht ein viel größeres Problem, als dass es der Journalismus allein bewältigen könnte?  

Ich bin vielleicht ein bisschen hart zum Journalismus. Aber ich glaube, dass Journalistinnen und Journalisten Mitverantwortung für die Vertrauenskrise tragen, in der sie sich befinden: Nehmen Sie eine Pressekonferenz, die heutzutage per Livestream übertragen wird. Am nächsten Morgen stehen die Aussagen daraus in den Zeitungen. Wir sind aber nützlich, wenn wir nicht nur wiedergeben, sondern tiefer graben. 

Fakten überprüfen, Zusammenhänge herstellen, Lügen aufdecken - das sind Möglichkeiten für uns, unsere Legitimität wiederzuerlangen. Wege, unser Handwerk zurückzuerobern. Fact-Checking ist mühsam und zeitaufwendig, aber ich glaube, dass es richtig ist. Es kann auch dazu beitragen, gut ausgebildeten und professionellen Journalistinnen und Journalisten ihre Legitimität zurückzugeben. Ich denke, das bringt Vertrauen zurück. 

Wenn Sie die senegalesische Medienlandschaft betrachten, was untergräbt oder behindert Vertrauen in Qualitätsjournalismus? 

Der Senegal ist - oder war - relativ frei. Jeder kann potenziell Journalismus betreiben oder Medienunternehmen gründen und das führt zu einer gewissen Verwirrung. Wo beginnt der Journalismus? Was ist Unterhaltung? Was ist Meinung? Die Grenzen sind fließend. 

Hinzu kommt, dass viele Bürgerinnen und Bürger aufgrund von Analphabetismus oder mangelnder Bildung Schwierigkeiten haben, den Unterschied zwischen jemandem mit einem YouTube-Kanal, der alles kommentiert, und professionellem Journalismus zu erkennen. 

Es gibt Leute, die eine Menge Desinformation, eine Menge Meinungen und eine Menge Spekulationen verbreiten. Und alle werden als Journalistinnen und Journalisten bezeichnet: ob YouTuber, Online-Influencer - wer auch immer in ein Mikrofon spricht. Und alle Fehler, die unprofessionelle Content-Creator machen, werden Journalistinnen und Journalisten zugeschrieben. 

Außerdem gab es auch im Senegal in den vergangenen zwei bis drei Jahren gezielte Angriffe – Versuche aus der Politik, Medienschaffende zu diskreditieren. Auch das hat die Legitimität in Frage gestellt. Man versucht, den Journalismus und den Mainstream-Journalismus zu delegitimieren, indem man sagt: Diese Leute sind Teil des Problems, traut ihnen nicht. Geht stattdessen auf Facebook, Twitter, YouTube und veröffentlicht eure eigenen Nachrichten.‘

Und natürlich kommen dazu Technologien: Deepfakes, KI. Ein ganzes Bündel von Gründen, die das Misstrauen gegenüber dem Journalismus wecken. Aber das ist - abgesehen vom Analphabetismus - nicht nur ein senegalesisches Problem. 

Das erinnert mich an ein BBC-Interview mit dem amerikanischen YouTuber Hank Green, in dem er den Creator-Standpunkt erklärt: Er sagt, dass YouTuber seiner Erfahrung nach als ‚authentisch‘ angesehen werden, wenn sie keine professionelle Ausbildung haben. Sie seien ‚sie selbst‘ und ‚echt‘ und daher glaubwürdiger, während Journalistinnen und Journalisten als ‚vorsichtig‘ wahrgenommen würden. Was halten Sie von Echtheit und Authentizität?

Als die sozialen Medien aufkamen, hatten wir im Senegal eine ähnliche Debatte. Einige Leute meinten, dass Medienprofis zu viel Zeit brauchten, um Neuigkeiten zu überprüfen, während sie auf Social Media bereits schnell und unverfälscht verbreitet werden - was als authentisch wahrgenommen werde.  

Was wir jedoch bedenken sollten und was von der Forschung belegt wurde, ist: Menschen folgen in den sozialen Medien denen, die dieselben Überzeugungen teilen. Als Journalist versuche ich, alle zu informieren. Mein Publikum muss mich nicht mögen oder mit mir übereinstimmen. Aber bei YouTube ist die Kehrseite der wahrgenommenen Authentizität die Loyalität. Die Leute abonnieren Beiträge, weil sie Ansichten teilen und Bestätigung suchen. 

Ich würde diesen YouTuber herausfordern, etwas zu veröffentlichen, das im Gegensatz zu den Ansichten steht, mit denen er sich seine Anhängerschaft geschaffen hat. Etwas, das wahr ist, sich aber von dem unterscheidet, was er normalerweise sagt. Die Leute werden anfangen, sich abzumelden. 

Das ist etwas anderes als ein Medienhaus, das sich um Ausgewogenheit bemüht. Aber Ausgewogenheit ist etwas, was Menschen in einer polarisierten Welt nicht mehr wollen - und das ist ein großes Risiko. 

Ich versuche, mich in die Lage von jemandem zu versetzen, der angesichts der polarisierten öffentlichen Debatte ängstlich und vielleicht desillusioniert ist: Wenn ich meinem Nachbarn oder einem Familienmitglied in Bezug auf seine Politik oder die Quellen, die seine Meinung gebildet haben, nicht traue, warum sollte ich dann jemandem vertrauen, der so weit von mir entfernt ist wie ein Journalist oder eine Journalistin?  

Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen, und ich denke, das ist Absicht. Diejenigen, die Falschinformationen verbreiten, tun dies nicht nur, um in die Irre zu führen, sondern auch, um die Menschen misstrauisch zu machen. Sie wollen uns glauben machen, dass es überall nur Lügen gibt. Sie verschmutzen den öffentlichen Raum so lange, bis niemand mehr etwas glaubt.  

Warum sollten die Menschen also dem Journalismus vertrauen? Ich glaube, wir müssen die Menschen mehr über unsere Absichten aufklären: Journalistinnen und Journalisten arbeiten für das öffentliche Interesse. Ich glaube, es muss viel darüber geredet werden, was die Rolle von Qualitätsmedien im öffentlichen Raum ist. 

Wir brauchen eine globale Bewegung, um dem Journalismus wieder seinen Platz zuzuweisen und den Menschen zu sagen: ‚OK, eine Meinung zu haben ist gut‘. Ich bin ein Verfechter der freien Meinungsäußerung. ‚Aber wir brauchen auch unvoreingenommenen Journalismus. Menschen, die im öffentlichen Interesse recherchieren. Menschen, die nicht mit politischen Parteien oder Wirtschaftslobbys oder irgendeiner Art von Macht verbunden sind.’ 

Wem vertrauen Sie? 

Als meine Mutter noch lebte, habe ich immer gescherzt: Als Journalist vertraue ich niemandem außer ihr. 

Was ich damit sagen will, ist, dass es keine verlässliche Information gibt, bevor sie nicht überprüft wurde. Wenn ich Sie frage, ob es heute in Deutschland warm ist, antworten Sie vielleicht mit ‚Ja‘. Wenn ich Sie nach der genauen Temperatur frage, bringt mich das von Ihrer Meinung zu etwas Sachlicherem: Es sind 24°C. Und dann frage ich Sie nach Ihrer Quelle: Ist sie online? Haben Sie ein Thermometer? 

Ich traue Ihnen nicht - nicht aus moralischen, sondern aus praktischen journalistischen Gründen. Ich glaube, wir sollten niemandem blind vertrauen. Die Leute erzählen einem Dinge, manchmal in gutem Glauben, und wenn man dann zwei oder drei Mal nachfragt, stellt man fest, dass sie die falschen Informationen hatten. Sie haben keine Beweise. 

Aus professioneller Sicht würde ich also niemandem trauen. Denn jeder möchte, dass seine Meinung von den Medien verbreitet wird.