Überlebensstrategien für Community-Medien: MENA-Region

Soumaya Berjeb ist Assistenzprofessorin am Institut de Presse et des Sciences de l’Information (IPSI) in Tunesien und arbeitet zum Schwerpunkt audiovisuelle Medienproduktion. Als Medientrainerin und Wissenschaftlerin hat sie sich mit Bürgermedien in der MENA-Region beschäftigt, mit einem besonderen Fokus auf Künstliche Intelligenz (KI).
DW Akademie: Was sind die größten Herausforderungen für Community-Medien in der MENA-Region?
Soumaya Berjeb: Die Region steht vor vielen Herausforderungen – politische Spannungen, rechtlicher Druck, besonders strenge Gesetze gegen Medien und Pressefreiheit. In Tunesien setzt die Regierung zunehmend restriktive Gesetze ein, um Journalistinnen und Journalisten unter Druck zu setzen. Zum Beispiel das Decree-Law 54 aus dem Jahr 2022 zur Verfolgung von Journalistinnen und Journalisten, Juristinnen und Juristen und Nutzenden von Social Media. Ähnliches beobachten wir in Ägypten, speziell mit Blick auf Community-Medien, da sie unabhängig von politischem Einfluss berichten wollen. Hier gibt es beispielsweise das Anti-Cybercrime-Gesetzt von 2018 und das Anti-Terrorismus-Gesetz von 2015, welches auch eingesetzt wird, um Medienschaffende und Online-Aktivistinnen und -Aktivisten zum Schweigen zu bringen.
Die zweite Herausforderung ist wirtschaftlicher Natur, teilweise auch aufgrund der Kürzung von Finanzmitteln und Entwicklungsgeldern aus den USA und anderen Ländern. Das ist ein Problem, vor dem sowohl Community-Medien als auch Massenmedien in der Region stehen. Die beiden Herausforderungen – rechtliche Rahmenbedingungen und Finanzierung – hängen dabei häufig zusammen. Wenn wir über das Überleben von Community-Medien sprechen, sprechen wir auch über Technologie, Infrastruktur, über Wettbewerb und Ressourcen.

Warum spielen Community-Medien eine wichtige Rolle in der MENA-Region?
In den vergangenen zehn Jahren haben Community-Medien zunehmend begonnen, andere Medien zu ersetzen, besonders an Orten, wo es keine verlässlichen Informationen von anderen Medien gibt.
Zusätzlich haben Community-Medien einen wichtigen lokalen Stellenwert. Sie verstärken Stimmen von unten und unterstützen marginalisierte Gruppen dabei, ihren Themen Gehör zu verschaffen. Sie können zudem das allgemeine Vertrauen in die Medien stärken, da die Menschen wissen, dass Community-Medien im öffentlichen Interesse handeln.
Die Menschen wollen diese Kanäle nutzen, um gehört zu werden, sie wissen, welchen Stellenwert Community-Medien in der Gesellschaft haben. Wir haben kürzlich verstärkt über Bäuerinnen/ Landwirtinnen und ihre Anliegen in Tunesien berichtet. Sie haben die öffentliche Plattform genutzt, um sich Gehör zu verschaffen und politische Entscheidungsträger auf sich aufmerksam zu machen. Manche Menschen oder Organisationen fangen inzwischen an, ihre eigenen Community-Medien zu gründen, um ihre Themen zu kommunizieren.
Ein weiterer Aspekt ist auch die humanitäre Kommunikation, überlebenswichtige Informationen, die nur über diese Plattformen verbreitet werden und so die Menschen erreichen.
Und zuletzt ist auch das Agenda-Setting ein wichtiger Bestandteil. Wenn du für ein Community- Medium berichtest und den Finger in die Wunde legst, weil du zu einem Thema berichtest, das wenig Beachtung findet, kannst du auch andere Medien auf das Thema aufmerksam machen. Manchmal führt das dazu, dass ein Thema überhaupt erst in den Fokus rückt, öffentliche Stellen darauf aufmerksam werden und vielleicht anfangen, nach einer Lösung zu suchen. Manchmal ist es einfach wichtig, dass es jemanden gibt, der zuerst auf ein Thema aufmerksam macht.
Wie können Community-Medien digitale Plattformen und KI nutzen?
In der MENA-Region ist der Einsatz von KI im Medienbereich von großen regionalen Unterschieden geprägt. Während viele Golfstaaten KI schon heute häufig nutzen, laufen einige andere MENA-Staaten den Entwicklungen hinterher. Journalistinnen und Journalisten von Community-Medien sind grundsätzlich immer auf der Suche nach Trainingsmöglichkeiten und finanzieller Unterstützung, um ihre Fähigkeiten und die Nutzung von KI-Tools zu stärken. Aktuell experimentieren die meisten mit einfach zugänglichen Lösungen, wie Übersetzungstools, Schnittsoftware für Audio und Video oder Design-Plattformen wie Canva, anstelle von anspruchsvolleren KI-Tools, die mehr finanzielle Mittel erfordern.
Wir befinden uns in einer Region, die selbst keine KI-Technologie entwickelt, aber wir sind Nutzerinnen und Nutzer. Daher versuchen wir, diese Technologie nach unseren Möglichkeiten auszuprobieren, sie zu verstehen und sie gezielt für unsere Arbeit einzusetzen. Ich denke viele Community-Medien sehen KI-Tools auch als eine Art Überlebenshilfe, da wir mit so vielen finanziellen und strukturellen Herausforderungen zu kämpfen haben und zunehmend nach kreativen Möglichkeiten suchen, um auf dem Markt zu bestehen.
Das bedeutet allerdings auch, dass Community-Medien ihre Fähigkeiten im Bereich Fact Checking und der gezielten Suche nach Desinformation verbessern müssen, da es zu ihren Aufgaben zählt, Falschinformation zu entkräften und verlässliche Informationen auf den Kanälen zur Verfügung zu stellen.
Warum entscheiden sich junge Menschen trotz aller Herausforderungen dazu, für Community-Medien zu arbeiten?
In der gesamten Region können wir beobachten, dass es besonders die jungen Journalistinnen und Journalisten sind, die mit Mut und vielleicht auch einer Form von Dreistigkeit den Mächtigen entgegentreten und immer wieder neu anfangen, wenn ihre Plattformen blockiert oder geschlossen werden. Sie haben keine Angst vor einem Neuanfang und überlegen sich neue Konzepte oder Formate, um auf dem Markt erfolgreich zu sein. Es gibt zahlreiche Beispiele aus Ägypten oder aus dem Libanon, wo große und erfolgreiche Community-Medien vorübergehend geschlossen wurden und dann auf anderem Weg zurückgekehrt sind.
Diese jungen Menschen wollen frei sein, sie wollen ihre Stimme erheben und auch erfahren, dass ihre Meinung gehört wird. Zum Beispiel in Tunesien haben wir Studierende, die die Revolution im Jahr 2011 aktiv miterlebt haben und anschließend etwa zehn Jahre in einer Zeit gelebt haben, in der Pressefreiheit als selbstverständlich galt. Heute arbeiten sie für Community Medien und haben diesen starken Drang und das Ziel, ihre Freiheit zurückzugewinnen. Es ist der Traum einer gesamten Generation, ihre Meinung frei und offen zu sagen, ohne Hindernisse und Restriktionen.
Wenn sie erfahren, dass sie eine Stimme haben, können sie über gesellschaftliche Themen sprechen und die Verantwortlichen zum Handeln bewegen.
Neue Technologien schaffen Freiheiten, besonders in den Sozialen Medien und auf digitalen Plattformen. Die Möglichkeiten sind vorhanden, also warum sollten sie sie nicht ergreifen, über Probleme sprechen, die Gesellschaft verändern und aktiv ihre eigene Zukunft gestalten?

