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Wie der Big Apple grün werden soll

Oliver Ristau
26. Oktober 2023

In New York City soll das weltweit größte System zur Dampferzeugung für die Wärme- und Kälteversorgung entstehen - mit Biomethan. Nur so kann es die Stadt schaffen, ihre eigenen Klimaziele zu erreichen.

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Die Skyline New Yorks vom Wasser aus gesehen
Die Skyline New Yorks vom Wasser aus gesehenBild: Oliver Ristau/DW

Startschuss für die Biotonne in New York: Seit Anfang Oktober ist in Brooklyn Mülltrennung Pflicht. Dann müssen die rund 2,6 Millionen Einwohner des größten New Yorker Stadtbezirks Lebensmittel- und Gartenabfälle in braune Tonnen abfüllen, die am Straßenrand oder den Vorgärten für die Müllabfuhr bereitstehen. Im Nachbarstadtteil Queens gilt die Pflicht schon länger. Die übrigen Bezirke Bronx, Manhattan und Staten Island folgen 2024.

Nach jahrelangen Diskussionen schafft die Stadt damit Fakten. "Für Jahrzehnte hat New York City Milliarden Tonnen an Lebensmittelresten über die Staatsgrenze transportieren lassen, hunderte Kilometer weit, um sie auf Deponien zu entsorgen", sagte die stellvertretende Bürgermeisterin Meera Joshi zum Startschuss des sogenannten Curbside-Programms.

Der Hintergrund: eine Müllverbrennung gibt es in New York nicht. Lediglich der Anteil des enormen Müllaufkommens, der sich recyceln lässt, bleibt teilweise in der Stadt. Der Rest wird unter hohem Transportaufwand und mit großem CO2-Fußabdruck ins Umland gekarrt. Und die organischen Reste setzen auf der Deponie auch noch Methan frei.

Das neue Stadtbild von Brooklyn: die braunen Tonnen für den Biomüll
Sie gehören bald fest zum Stadtbild von Brooklyn: die braunen Tonnen für den BiomüllBild: Oliver Ristau/DW

Apfelreste und Abwasser zu Biomethan

Den Methanemissionen auf der Müllkippe will die Stadt den Riegel vorschieben und stattdessen diese Energie nutzen. Dazu hat sie diesen Sommer den Startschuss für ein in den USA in dieser Größe bisher einzigartiges Projekt gegeben: aus Apfelkitschen und Laub soll Biomethan werden - erzeugt gemeinsam mit Abwasser am Standort der größten Kläranlage in Brooklyn.

Dazu wird der Inhalt der Biotonnen auf einem naheliegenden Verwertungshof von Fremdstoffen wie Plastik befreit und nach Zugabe von Wasser zu einer homogenen Flüssigkeit aufbereitet. Rund 200 Tonnen kann der Betrieb nach Auskunft der städtischen Umweltschutzbehörde DEP aktuell pro Tag aufbereiten, und zwar zu 190.000 Litern eines braunen Bio-Schlamms.

Dieser wird zur Kläranlage gebracht, wo er mit den Resten der Abwasserbehandlung vermischt in silberne Gärtürme gepumpt wird, wie man sie auch in Deutschland kennt. Nach 30 Tagen Verweildauer ist das Biogas fertig, das in einem weiteren Schritt zu Biomethan aufbereitet werden soll. Dafür zuständig ist Gasnetzbetreiber National Grid, der das Gas in sein Pipelinenetz einspeisen will.

Ein junger New Yorker wirft seinen Biomüll in eine braune Tonne
Daran werden sich die New Yorker wohl gewöhnen müssen: Biomüll gehört in die braune TonneBild: Oliver Ristau/DW

Klärwerke modernisieren

Im gleichen Zuge plant die Stadt auch die Modernisierung ihrer übrigen 13 Klärwerke. Das ist dringend geboten, leisten diese dem Klimaschutz und der Luftreinhaltung bisher doch noch einen Bärendienst: denn sie fackeln einen großen Teil des dort erzeugten Klärgases einfach mangels Nachfrage ab. Stattdessen sollen die Kläranlagen künftig 100 Prozent des anfallenden Biogases nutzen und künftig ebenfalls in die Lage versetzt werden, organischen Biomüll-Schlamm zu Methan aufzubereiten.

New Yorks dampfende Kanäle

Die braunen Mülltonnen sind ein erstes Zeichen, dass New York City den Klimaschutz angeht. Der Bundesstaat New York plant, den Treibhausgasausstoß bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. 2019 waren erst sieben Prozent erreicht. Die Metropole hat für diesen Zeitraum Sektorziele formuliert. So soll der Ausstoß der Gebäude um 40 Prozent sinken. Sie sind laut Stadtverwaltung für 70 Prozent der Gesamtemissionen von New York City verantwortlich.

Die Ineffizienz der Wärme- und Kälteversorgung der Gebäude ist in Manhattan optisch kaum zu übersehen: er zeigt sich am Dampf, der an vielen Straßen in Manhattan aus dem Asphalt quillt. Er stammt von Kondensationen oder undichten Stellen eines Rohrgeflechtes im Untergrund, wie dessen Betreiber ConEdison freimütig einräumt.

Die Kläranlage von Newtown Creek am Abend - bunt erleuchtet
In solchen Gastanks, wie hier in Newtown Creek, wollen die New Yorker ihr Biomethan herstellenBild: New Yorker Umweltbehörde DEP

Dampfsystem wird eingemottet

Es bringt heißen Dampf zu Gebäuden wie dem Empire State Building, dem World Trade Center aber auch vielen Wohnhäusern. Es ist so etwas wie das zentrale Fernwärme- und -kältenetz New Yorks für mehr als 1.500 Gebäude in der Stadt und bereits mehr als 125 Jahre alt. Den Dampf erzeugt ConEdison in Kraftwerken, die zu 95 Prozent mit Erdgas befeuert sind. Wenn Gas knapp zu werden droht, kommt aber auch Heizöl zum Einsatz.

Mit diesem System wird es der Stadt kaum gelingen, ihre hohen Umweltschutzziele zu erreichen - etwa bis 2050 CO2-neutral zu werden. Gasversorger ConEdison verspricht denn auch laut einer Unternehmensbroschüre, "New York in die neue Net-Zero-Welt führen" zu wollen.

Das ist alles andere als profan. Zuvorderst geht es um die Sanierung des Pipelinenetzes zur Minimierung von Leckagen und Verlusten. Doch das ist nur ein erster Schritt. Schließlich will die Stadt in den kommenden Jahrzehnten vollständig weg von fossilen Brennstoffen. Deshalb steht auch die komplette Stilllegung im Raum. Die Wärmeerzeugung würden stattdessen Wärmepumpen und dezentrale Brenner für regenerative Gase übernehmen.

Eine günstigere Variante wäre ein Mischmodell: parallel zur wachsenden Elektrifizierung der Wärmeproduktion würde ConEdison fossile durch regenerative Gase ersetzen und zu den Kunden bringen. So könnte auch das Gasnetz als zentrales Versorgungssystem erhalten bleiben. Unklar ist allerdings, wo die nötigen Volumina an sauberen Gasen herkommen sollen. New Yorks Biomüll allein wird dafür jedenfalls kaum reichen.