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Tischlein, deck dich?

Ohne sie blieben viele Teller leer: 60.000 Männer und Frauen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich für die Tafeln. Jede Woche retten sie tonnenweise Lebensmittel vor dem Müll und verteilen sie an Bedürftige. Was treibt sie an? Wie stark schmerzt der Rücken vom Kistenschleppen? Und wann kann man einen Rettich wirklich noch essen? Helena Kaschel und Maximiliane Koschyk haben einen Tag lang in der großen Umverteilungsmaschine gearbeitet.

Das Gegenteil von Müllabfuhr

Etwa dreißig Klappkisten haben die beiden kräftig gebauten Männer schon in die ausrangierten Mercedes-Transporter geladen. Es ist Viertel vor neun, als wir unsere Räder auf dem Parkplatz der Bonner Tafel abstellen. Wir haben einen Termin. Eine Handvoll Männer und Frauen in orangefarbenen Jacken, alle jenseits der sechzig, hasten vorbei. Wir versuchen, uns bei jemandem vorzustellen. „Hallo, wir sind von der Deutschen Welle, wir wollten…“ Bevor wir ausreden können, haben wir selbst zwei Neonjacken in der Hand – und sitzen jeweils in der Fahrerkabine eines Sprinters.

Einen Tag lang wollen wir heute bei einer der 900 deutschen Tafeln helfen. Knieschmerzen, schwere Kisten und verschimmeltes Gemüse: Wir haben schon Bammel, bevor es überhaupt losgeht. Dabei sind wir mit Abstand die Jüngsten im Team. Anpacken und gleichzeitig dokumentieren, von den Tafelhelfern lernen und gleichzeitig im Fußraum des Transporters nach Kamera, Mikrofon und Kabeln fischen, ist von Anfang an eine Herausforderung: Zu dritt ist es eng in der Fahrerkabine. Die alten Sprinter knarren und ächzen, die Kisten rappeln bei der Fahrt über Kopfsteinpflasterstraßen. Schnell geht es raus aus der Innenstadt, auf der Jagd nach essbaren Nahrungsmitteln.

In einem der Transporter sitzt Klaus Opitz am Steuer. Pragmatisch, passionierter Autofahrer. Jeden Dienstag fährt er für die Tafel, seit vier Jahren. Wie alle Tafelhelfer bekommt er dafür keinen Cent. Was ihm an der Arbeit missfällt: „Das ist natürlich nicht immer sehr prickelnd, wenn wir verdorbenes Obst oder Gemüse aussortieren müssen.“ Verkehrschaos mache ihm dagegen wenig aus, lacht er beim vierten Versuch, eine Baustelle auf dem Weg zum Supermarkt zu umfahren. Währenddessen erzählt er von seiner Motivation.

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Klaus Opitz ist 71 Jahre alt. Er genießt das Autofahren.

Vor uns liegen insgesamt mehr als 15 Filialen von Aldi, Lidl, Rewe und Edeka, dazu einige Bäcker. Was wir suchen: Brot, Wurst, Milchprodukte, Obst, Gemüse, Süßigkeiten – alles, was noch nicht verdorben ist.

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An unseren Zielstationen erwarten uns Abfallprodukte der Überflussgesellschaft: schrumpelige Äpfel, vollgesiffte Tomatenpackungen, trockenes Brot. Lebensmittel, die einfach so entsorgt würden, wenn die Tafel nicht noch einen Blick darauf werfen würde.

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500.000 LKW-Ladungen voll Lebensmittel wandern jedes Jahr in Deutschland auf den Müll.

Erste Anlaufstelle: ein Aldi. Im Gegensatz zu den Kunden fahren wir um den Eingang des Supermarkts herum zur Laderampe im Hinterhof, wo große Behälter und Europaletten mit einzelnen Kisten und losen Produkten deponiert sind.

Wir schleifen die Paletten an die Rampe. Dort wartet schon der Kollege mit den Kisten aus dem Auto: Blau für Kühlkost, Grün für Obst und Gemüse, Rot für Brot und Backwaren. In unseren knallorangenen Jacken könnte man uns für Müllmänner und –frauen halten. Sind die Einweghandschuhe angezogen, kann das Wühlen losgehen.

Die für die Tafel bestimmten Waren werden nur selten von den Mitarbeitern der Discounter und Läden vorsortiert. Die Helfer müssen jedes einzelne Produkt begutachten.

Beim Sammeln gibt es eine simple Faustregel, sagt Klaus: „Würdest du es selbst noch essen oder nicht?“

Wir schichten die essbare Ware in die mitgebrachten Kisten. Das Aussortieren funktioniert wie im Märchen: “Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.”

Manchmal duftet eine Stiege unversehrter Himbeeren, manchmal stinkt alles nach Abfall. Oft müssen wir Packungen aufreißen, um einzelne Produkte vor verschimmelten oder verfaulten Artgenossen zu retten.

Und was macht man, wenn das Gemüse mal nicht so frisch aussieht? „Der Rettich ist noch gut“, sagt Tafelhelfer Wolfgang Grafen, „man muss ihn nur ins Wasser legen.“

Unsere Beine und Arme sind schwer. Das viele Kauern und Bücken über den Kisten spüren wir in den Knien. Ein Blick auf die Uhr: Sechs Stunden haben wir noch vor uns.

Der Verteilerkreis

Zurück bei der Tafel trennen sich unsere Wege schlagartig wieder: Helena bringt mit Klaus Opitz den beim Sammeln entstandenen Abfall zur Müllabfuhr, Maximiliane soll in der Tafelküche helfen: Eine Teekette hat gespendet. Große Pakete können sie nicht austeilen, stattdessen müssen kleine Tüten von Hand gefüllt werden.

14.30 Uhr, Schichtwechsel. Einer nach dem anderen trudeln neue Mitarbeiter ein. Wieder stellen wir uns vor, erklären, warum wir hier sind. Fast entschuldigend erläutern wir unser Projekt, haben ein schlechtes Gewissen, weil wir nur einen Tag dabei sein können – das Dilemma zweier helfender Journalistinnen.

Die Runde kennt sich, sie sind jede Woche am gleichen Tag hier. Zum Beispiel Christel Spilles. Sie ist mit 77 Jahren die „Dienstälteste” und kümmert sich immer um das Brot. Weil sie nicht sehr groß ist, dürfen wir die Brotkisten nicht zu hoch stapeln.

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Christel Spilles, 77, hat insgesamt vier Ehrenämter. Bei der Bonner Tafel sortiert sie jeden Dienstag Backwaren.

Abwechselnd helfen wir Frau Spilles beim Brot sortieren. Beziehungsweise versuchen es. „Reißen Sie mir einfach Tüten ab“, sagt sie. Als wir ihre Bäckerkisten tragen wollen, lehnt sie erst ab. Helfern zu helfen ist auch eine Herausforderung, stellen wir fest.

Langsam werden aus der bunt zusammengewürfelten Ware ordentliche Kistenstapel mit einzelnen Sorten. Aus einem Raum voller Lebensmittelreste ist ein kleiner Supermarkt geworden.

Die Frauen erklären generalstabsmäßig, wie die Ausgabe funktioniert. Im Tross laufen alle einmal um den Kistenparcour, für jedes Lebensmittel gibt es eine Portion pro Person oder Familie: Brot bekommt heute jeder so viel wie er möchte. Eine Schokoladentafel gibt es dagegen nur für Familien mit Kindern.

Die großen Eingangstüren gehen auf, Menschen mit Tüten stehen an dem Tisch davor, warten.

Wir sind überfordert.

Die andere Herausforderung

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Wir haben uns entschieden, diesen Teil unseres Tages nicht fotografisch zu dokumentieren. Die Mitarbeiter der Tafel haben uns gebeten, die Bedürftigen nicht abzubilden.

Gleichzeitig möchten wir diese persönliche Erfahrung für sich stehen lassen.

Wir hatten einen aufregenden Tag. Einen anstrengenden Tag. Wir haben im Müll gewühlt, Kisten geschleppt, Brötchen, Radieschen und Puddingbecher sortiert und dabei viele beeindruckende Menschen kennengelernt. Menschen, denen das gesellschaftliche Engagement wichtiger ist als ein beschaulicher Ruhestand. Wir haben auch über uns selbst und unsere Arbeit etwas gelernt. Was es heißt, als Journalist nicht nur Beobachter zu sein, sondern mittendrin. Ob und wie es funktionieren kann. Nicht alles hat funktioniert. Viele Bilder waren bei späterem Betrachten unscharf, Aufnahmegeräte streikten und irgendwann auch unsere Köpfe, Beine und Arme. Aber wir durften helfen und wie Frau Spilles sagte:

“Das gibt einem so viel zurück.”

Und was kommt in die Tüte?

Die Tafeln sind ein gemeinnütziger Verein, keine staatliche Institution. Sie muss sich selbst finanzieren, ist auf Spenden angewiesen. Obwohl die Arbeit bei der Tafel ehrenamtlich ist, ist das Essen nicht kostenfrei.

Der Besuch bei der Tafel ist wie ein symbolischer Einkauf. 50 Cent bezahlen die Empfänger pro Person. Bei jeder Ausgabe versuchen die Mitarbeiter das am Vormittag gesammelte Essen so gut wie möglich aufzuteilen. Es soll nichts übrig bleiben, das weggeworfen werden muss. Ist nicht genügend gesammelt worden, können die Spendentüten mit anderen Sachen aufgefüllt werden. Beispielsweise Shampoo, Bohnenkaffee, Vitaminpräparate oder exotische Früchte. Manche Familien brauchen spezielle Dinge, etwa Babynahrung. Auch solche Spenden erhält die Tafel hin und wieder. Die Tafelhelfer müssen darauf achten, was sie in die Tüten packen, denn einige Abholer vertragen bestimmte Lebensmittel nicht oder können sie aufgrund ihrer Religion nicht essen.

Der Raum ist wieder leer und aufgeräumt, wir haben Feierabend. Für die Helferinnen und Helfer der Tafel geht die Arbeit morgen wieder von vorne los.

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